Schwein und Zeit

Peter Fleissners ABCDarium

Das Tier und der Klassenkampf

Für heutige MarxistInnen ist es eine selbstgewählte Aufgabe, die gegenwärtigen Entwicklungen in allen Bereichen der Gesellschaft genau zu verfolgen, damit wir durch praktische Interventionen einem besseren Leben für alle näherkommen. Die vom Verein zur Förderung linker Diskurse und Politik transform!at ausgeschriebenen Marx-Preise 2018 hatten das Ziel, Texte zu prämieren, die genau dies im Bereich Feminismus, Ökologie und Politischer Ökonomie leisten sollten. Nun stehen die PreisträgerInnen fest. Im Bereich Ökosozialismus wählten die JurorInnen Herrn Fahim Amir einstimmig als Gewinner. Dieses ABCDarium ist seiner Arbeit gewidmet. 

Fahim Amir wurde 1978 als Kind afghanischer Eltern im Iran geboren, hat später in Wien Philosophie studiert und das Studium mit Auszeichnung (summa cum laude) abgeschlossen. Seine Studien- und Forschungsaufenthalte führten ihn nach Berlin, Sydney und New York. Er besuchte Seminare bei Jacques Derrida, dem Begründer der Methode der „Dekonstruktion“1, und bei der US-amerikanischen feministischen Philosophin Judith Butler, die sich mit Diskursen und ihren gesellschaftlichen Folgen auseinandersetzte. Später arbeitete er an der Universität Wien, an der Wiener Akademie für bildende Kunst, an der Fachhochschule Salzburg sowie an Kunstuniversitäten in Linz, Düsseldorf, Genf und Saõ Paulo.

Marx als Methode

Amir gab seinem Text den provokanten Titel „Schwein und Zeit“2. Mit dieser Wahl versetzt uns Amir in ein Kampffeld philosophischer Auseinandersetzungen, die seit Marx nicht aufgehört haben. Dem Altmeister, der einen scharfen Blick auf die historischen Veränderungen des Stoffwechsels der menschlichen Gesellschaft mit der Natur entwickelt hatte, entgingen nicht die Anfänge der Auswirkungen der noch jungen kapitalistischen Landwirtschaft auf den „unorganischen Leib des Menschen“, die Natur3. Heute sehen wir die Effekte der Umweltzerstörung bereits an allen Ecken und Enden der Erde. Schon im Kapital, Band 1, formulierte Marx vor 151 Jahren hellsichtig:

„Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land, wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika z. B., von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess. Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (K. Marx, Kapital I, MEW 23: 529).

Diese Sicht der Ausbeutung des Arbeiters und der Zerstörung der Erde wählte Amir zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, fügt aber dem traditionellen marxistischen Theorienkanon neuere Einsichten über spezifische Mensch – Natur – Beziehungen hinzu. Er folgt dabei dem Motto: „Das Marxistische ist die Methode, nicht das Ergebnis.“ Erst dadurch wird es möglich, marxistisches Herangehen für die Gegenwart nutzbar zu machen.

Amirs These wendet das Forschungsergebnis von Karl Marx, dass im Kapitalismus die ArbeiterInnen Gegenstand von Ausbeutung und Entfremdung sind, aber genauso TrägerInnen des Widerstands dagegen, auch auf die Tiere an, die in den kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozess einbezogen sind. „Zwischen der Widerständigkeit eines Tierknochens gegen seine Bearbeitung und dem vollausgewachsenen Widerstand einer revolutionär gesinnten Organisation, die ihre Feuertaufen in zahlreichen historischen Konflikten bestanden hat, gibt es ein Kontinuum von Widerstandsformen. Tiere sind ein Teil davon.“ so Amir. Er macht mit dieser Sicht auch MarxistInnen verstärkt auf das Thema „Tier“ aufmerksam, das bereits in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft explizit behandelt wird: Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft mit Animal Studies als einem neuen Forschungszweig, in der Alltagskultur wird vermehrt vegetarisch oder (vor allem bei den Jüngeren) vegan gegessen. Sogar staatliche Autoritäten haben ihren – widersprüchlichen – Anteil an dieser Tendenz. Im Wiener Neustädter Tierschützerprozess, der von März 2010 bis Mai 2011 gegen mehrere Tierschutzaktivisten geführt wurde, erhob die Anklage den Vorwurf der Bildung einer kriminellen Organisation, die 200 Straftaten auf dem Gewissen hätte, und die Tierschützer wie TerroristInnen behandelte. Immerhin wurden im Jahr 2011 in erster Instanz alle Angeklagten freigesprochen.

Da sich immer mehr Menschen über die Kritik an der gesellschaftlichen Behandlung von Tieren politisieren, sollten die MarxistInnen diesen Tendenzen mehr Aufmerksamkeit einräumen. Diese relativ junge Art von Politisierung – eine erfreuliche Entwicklung – wird von Amir in seiner Arbeit reflektiert. Damit wird sie ein Beitrag zur kritischen Philosophie und zur „Selbstverständigung der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche“4, wie es Marx in seinem Brief an Arnold Ruge ausgedrückt hat.

Tiere als Opfer

Welchen Platz nehmen Tiere in unserer Weltsicht ein? Klar ist, dass bestimmte Tiere die Gefühle der Menschen in einem hohen Ausmaß auf sich ziehen, man denke an Robbenbabys, Pandabären, Gänseleber, Elefantenstoßzähne, Delfine und Wale, verlängert durch ihre gezeichneten Varianten von Enten, Bären, Hirschen, Katzen und Mäusen. Eine ganze Industrie lebt davon. Der Tiergarten Schönbrunn ist voll mit auf Metallplaketten gravierten Beweisen der Tierliebe von SponsorInnen.

Wo sind die Tiere in unserem Weltbild angesiedelt? Tiere werden – wenn nicht überhaupt vernachlässigt – einerseits als schutzwürdige Objekte gesehen, deren Los verbessert werden soll. Tierschutz ist das dieser Ansicht folgende Verhaltensmuster. Andererseits wollen TierrechtlerInnen und TierbefreierInnen die Eigentumsverhältnisse Tieren gegenüber ins Zentrum rücken. Aber wie auch immer: für beide Strömungen gilt, dass Tiere als Opfer gedacht werden, die passiv dem Elend der Welt ausgeliefert sind. Auch zeitgenössische Moralphilosophien schließen sich diesem Blick an, wenn sie Tiere als unmündige „moral patients“ fassen, denen souveräne Menschen als „moral agents“ gegenüberstehen. „Diese Position vertraten auch Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung (1947), wo sie den Umgang mit Tieren als wesentlichen Aspekt innerer und äußerer Naturbeherrschung verstanden“. Amir dagegen geht es darum, „die Geschichte der Tiere als Teil von Klassengesellschaften aus einer Perspektive der Kämpfe zu denken. Hat Marx die Hegelsche Dialektik vom Kopf auf die Füße gestellt, wie es gemeinhin heißt, so ist es damit noch nicht getan sie muss auf … Hufe und Pfoten gestellt werden.“

Tiere im Widerstand

Aus dieser Position verweist Amir auf Beispiele, wo Tiere gegen ihre Unterwerfung unter das Kapital protestieren und – beinahe wie Menschen, wenn auch weniger bewusst und geplant als diese – widerständig sind und bisweilen aktiv Widerstand leisten. Er zieht dazu eine neuere Untersuchung der französischen Wissenschaftlerin Jocelyne Porcher vom Nationalen Institut für Landwirtschaftsforschung INRA in Montpellier heran, die anstelle von üblichen Interviews mit dem Bauern einen Monat lang 24 Stunden pro Tag und 7 Tage die Woche mit Videokameras das Treiben in einem kleineren Kuhstall dokumentiert und analysiert hat. Das Ergebnis? Kühe sind in der Lage, Widerstand zu leisten. Jüngere Kühe folgen dem Beispiel von älteren ArtgenossInnen und bewegen sich zum Beispiel so lange nicht vom Fleck, bis bestimmte Forderungen erfüllt werden – was direkt an gewerkschaftlich organisierte Streikaktionen erinnert.

Aber zu rosig sollte man dieses Widerstandspotential nicht sehen, denn es ist entscheidend, meint Amir, unter welchen konkreten Rahmenbedingungen die Tierhaltung stattfindet. So sind bei industrieller Aufzucht von Küken die Spielräume deutlich geringer als bei den oben erwähnten Kühen. Sie werden zu zigtausenden auf einmal zum Schlüpfen gebracht und existieren bis zu ihrem Tod ohne Anschluss an Ältere, wodurch Widerstandserfahrungen und Kampftraditionen nicht weitergegeben werden können.

Amir interpretiert den technischen Aufwand, der in der Landwirtschaft getrieben wird, die Zäune, Käfige, Gehege, Überwachungs- und mit Funkchips ausgestatte Monitorsysteme, als Antwort auf die aktive und passive Widerborstigkeit der Tiere. Natürlich darf man nicht erwarten, dass Tiere in die „liberalen Vorstellungen zivilgesellschaftlicher Partizipation an bürgerlichen Selbstgesetzgebungsprozessen“ hineinpassen. Tiere schreiben keine Petitionen an ihre Abgeordneten, sie kandidieren weder auf Wahllisten noch gehen sie zur Wahlurne. Aber ihr Widerstand erinnert vielmehr an den Widerstand US-amerikanischer SklavInnen vor dem amerikanischen Bürgerkrieg in Form von individueller oder kollektiver Arbeitsverweigerung, Sabotage, Flucht und Gewalt gegen ihre BesitzerInnen. „Was angegriffen wird, ist nicht zufällig…. Jeder Fluchtversuch von Tieren am Weg zum Schlachthof [ist] eine praktische Kritik der Verhältnisse ohne vorher eine Akademie für Staatsbürgerkunde durchlaufen zu haben… Das Marxsche Diktum zur Funktionsweise der Ideologie Sie wissen es nicht, aber sie tun es gilt auch für den Widerstand von Menschen und Tieren innerhalb ideologischer Verhältnisse.“

Tierschutzgesetze haben Klasse

Räumt man ein, dass Tiere Widerstand leisten können, kann konsequenter Weise danach gesucht werden, ob es nicht Auseinandersetzungen gibt, an denen Menschen und Tiere gemeinsam teilnehmen. Einen Hinweis geben die ersten Tierschutzgesetze der westlichen Welt, die nicht ganz zufällig im jungen Kapitalismus in Großbritannien entstanden sind. Das erste Gesetz diente dazu, Zugpferde vor Übergriffen der plebejischen Kutscher zu schützen. Genauso wenig zufällig geht es darin um ein Tier, das den herrschenden Klassen als „edel“ und „repräsentativ“ gilt. Die Mitglieder des house of lords5 hatten andererseits kein Problem damit, Füchse im Zuge herrschaftlicher Jagden zu Tode zu hetzen.

Das zweite Tierschutzgesetz ist ebenfalls ohne den Klassenkontext nicht zu verstehen. Es schränkte Hundekämpfe stark ein. Dass es dabei nicht um allgemeinen Tierschutz ging, wird klar, wenn die Volksbelustigungen im Kontext von emotional aufgeheizten Menschenmassen vor sich gingen, die von der Oberschicht gefürchtet wurden, während gleichzeitig die Beschneidung von Ohren und Schwänzen bei bestimmten Hunderassen straflos blieb.

Weder Wolkenkratzer noch Fließband ohne Rinder und Schweine

Chicago, die drittgrößte Stadt der Vereinigten Staaten, liegt an einem Kreuzungspunkt von Schifffahrts- und Eisenbahnlinien. Die Stadt war Hauptumschlagplatz für die landwirtschaftlichen Produkte des Mittleren Westens. Neben Getreide und Holz war dies vor allem Vieh. Durch die Erschließung des Westens der USA erlebte die Stadt ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Phase rasanten Wachstums und galt als jene amerikanische Siedlung, in der buchstäblich alles möglich war. Ihre Entwicklung ist in mehrfacher Hinsicht mit Tieren verbunden. Das große Feuer von 1871, das ein Drittel der Stadt vernichtete, ist einem lokalen Mythos zufolge auf eine „bis dahin unauffällige Kuh“ zurückzuführen. „Ihre rechtmäßige Besitzerin, Mrs. O‘Leary, hatte versucht, die Kuh an einem außergewöhnlich heißen Sonntagabend zu melken, als das eigensinnige Tier die Laterne, die den Stall beleuchtete, mit einem festen Tritt umstieß und so ein höllisches Inferno auslöste, das Menschen, Tiere und Architekturen gleichermaßen verzehrte.“

Nicht nur der Untergang der Stadt, sondern auch ihr Wiederaufbau, der sie zu einem Labor städtischer baulicher Innovationen machte, hat mit Tieren zu tun. Die Errichtung des ersten Wolkenkratzers der Welt im Jahr 1884, dem Home Insurance Building, enthielt das Büro des Fleisch-Industriellen Philipp Armour, der sein Unternehmen mit dem Slogan schmückte „We feed the world“. Dieser Slogan war nicht übertrieben, denn um die Jahrhundertwende wurden in Chicago jährlich bis zu 12 Millionen Tiere geschlachtet und ca. 82 Prozent des amerikanischen Fleisches verarbeitet. Die schlechten Arbeitsbedingungen und die mangelnde Hygiene wurden unter anderem durch Upton Sinclairs Roman Der Dschungel bekannt.

Die massenhafte Fleischverarbeitung führte zur ersten Fließbandproduktion in diesem Sektor und wurde ebenso wie die Wolkenkratzer-Architektur dieser Stadt bis heute weltweit richtungsweisend. Beide Innovationen waren finanziert aus dem Geld der Schlachthöfe und Fleischmärkte. „In diesem Fall waren das sprichwörtlich gewordene Elend der Schlachttiere und ihre verarbeiteten Körper tatsachlich die ökonomische Basis für die Errichtung der Hochhäuser.“

Sind Sie neugierig geworden? Im Herbst 2018 wird „Schwein und Zeit“ als Buch beim Hamburger Verlag Nautilus (https://edition-nautilus.de/programm/schwein-und-zeit/) erscheinen. Bis dahin für TaubenfreundInnen: https://www.eurozine.com/1000-tauben/.


1 Die Dekonstruktion betreibt die sinnkritische Analyse der Verstehens- und Geltungsbedingungen von Texten. Derrida setzte sich u. a. mit der phänomenologischen Philosophie Heideggers auseinander. Wegen Heideggers nationalsozialistischer Auffassungen stand ihm Derrida kritisch gegenüber und identifizierte jene Elemente seiner Philosophie, die ihn dazu brachten, eine derartige Position einzunehmen.

2 Philosophisch Belesene werden diesen Titel sofort als Parodie auf Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ deuten.

3 „Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist.“ MEW 40: 516.

4 MEW 1: 346.

5 Als Oberhaus bezeichnet man in einem Zweikammersystem meist jene Kammer eines Parlamentes, die keine allgemeine Volksvertretung darstellt. Historisch war das Oberhaus vorwiegend eine Vertretung der „höheren“ Stände wie Adel oder Klerus.

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