Digitalisierung und Ungleichheit

Peter Fleissners ABCDarium
gekürzter Nachdruck aus der Volksstimme 11, November 2017: 50-53
In [kursiv] die ursprünglichen Fußnoten.

Ruhe vor dem Sturm?

Die letzten Wochen vor der Wahl waren von wirtschaftlichem Optimismus geprägt. Noch-Bundeskanzler Kern schmückt sich auf seiner Homepage noch immer mit den Worten: „Wir haben den Aufschwung geschafft“, als ob ihm nicht auch klar wäre, dass die internationale Konjunkturlage und die steigenden Exporte die wichtigsten Gründe für die positive Entwicklung Österreichs gewesen sind. Aber wie es auch sei: Tatsache ist, dass das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung unserem Land das höchste Wirtschaftswachstum seit sechs Jahren bescheinigt, das sich in verringerten Arbeitslosenzahlen niederschlägt. Johannes Kopf [http://www.ams.at/_docs/001_uebersicht_aktuell.pdf], Vorstand des AMS, dazu: „Mit aktuell 374.935 als arbeitslos oder in Schulungen des AMS registrierten Personen verzeichnet das AMS den stärksten Rückgang an arbeitssuchenden Menschen seit der Trendwende.“ Die Arbeitslosenquote ist auf 7,5 % gesunken, den niedrigsten Septemberwert seit 2013. Im Bereich der Sachgütererzeugung sinken die Arbeitslosenzahlen mit 10,9 Prozent sogar stärker als im Baubereich (10 Prozent). Auch Langzeitarbeitslose werden weniger.
Wie passt dies alles mit den Befürchtungen zusammen, die das Schlagwort „Industrie 4.0“ in der Öffentlichkeit auslöst? Nach verschiedenen Publikationen im In- und Ausland sollen ja in den nächsten 20 Jahren mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze durch die Digitalisierung bedroht sein. Eine gemeinsame Studie „Technischer Wandel und Ungleichheit“ der Wirtschaftsuniversität Wien, von Joanneum Research und der Universität Graz hat im Auftrag der Arbeiterkammer Wien, der Stadt Wien und des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie die Effekte der Digitalisierung in Österreich auf Branchenebene untersucht. Der Titel verrät die Anlehnung an den Bestseller von Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Piketty kommt zu dem Schluss, dass die Ungleichheit wächst, wenn der Zinssatz für Geldkapital höher liegt als das reale Wirtschaftswachstum. Es wäre also nicht notwendigerweise und in allen Situationen mit einer Zunahme der Ungleichheit zu rechnen.
Die neue Studie fragt, ob durch den Einsatz neuer Technologien in Österreich bereits Effekte auf die Beschäftigung und auf die personelle [wie verteilen sich die Einkommen auf Einkommensbezieher bzw. die Haushalte?] und funktionale [wie verteilen sich die Einkommen auf Lohnabhängige und Unternehmen?] Einkommensverteilung feststellbar sind. Dazu wurden für den Zeitraum 2002–2014 Daten sowohl für die Sachgüterproduktion und den Dienstleistungssektor gesammelt und mit Hilfe von quantitativen (ökonometrischen) und qualitativen (Interviews und Fokusgruppen) Methoden ausgewertet.

Forschung und Entwicklung

Die gute Nachricht zuerst: Im speziellen Bereich „Forschung und Entwicklung“, der als Triebkraft für Innovationen gilt, zeigte sich in den meisten Branchen eine absolute Zunahme der Beschäftigten, der Forschungsausgaben und der Innovationsintensität [Der Anteil innovativer Unternehmen an der Gesamtzahl der Unternehmen in der Branche.], wenn auch bei Dienstleistungen geringer als in der Sachgüterproduktion. Gleichzeitig werden die Schwankungen dieser Indikatoren im Zeitverlauf kleiner.

Produktivität und Beschäftigung

Die AutorInnen der Studie stellen für die meisten Branchen fest, dass die Arbeitsproduktivität [nominale Brutto-Wertschöpfung pro geleisteter Arbeitsstunde.] im betrachteten Zeitraum im Durchschnitt deutlich gewachsen ist (allerdings wurde zu laufenden Preisen gemessen, wodurch auch Preissteigerungen die Produktivität erhöhen). Der zum Zeitpunkt der Krise 2008/9 erfolgte Rückgang der Produktivität konnte bis 2014 weitgehend kompensiert werden. Allerdings lässt sich im Dienstleistungsbereich der erwartete Abbau der Beschäftigung bisher nicht feststellen. Im Gegenteil, zwischen 2008 und 2014 nahm die Beschäftigung dort um 8,8 Prozent zu, während sich im Sachgüterbereich mit einer Abnahme der Beschäftigung um 3,6 Prozent der längerfristige negative Trend durchsetzte. Ungünstig ist, dass die Teilzeitquote in allen Bereichen anstieg, wodurch das angeführte Beschäftigungswachstum relativiert werden muss.

Entwicklung und Verteilung der Löhne und Gehälter

Mit Ausnahme der Nachkrisenjahre 2009/2010 sind zwischen 2005 bis 2014 die Medianlöhne real (nach Abzug der Preissteigerungen) gewachsen, wenn auch bei den Dienstleistungen geringer als in der Sachgüterproduktion (Ausnahmen bilden die Herstellung von Nahrungs- und Futtermitteln und Getränken, die Metallerzeugung und die Herstellung elektrischer Ausrüstung). Alle Indikatoren zur Messung der personellen Einkommensverteilung zeigten in der Sachgüterproduktion eine Zunahme der Ungleichheit, während nach den Krisenjahren im Dienstleistungssektor in manchen Branchen eine Trendumkehr zu verzeichnen war. Generell sind aber die Einkommen der Dienstleistungsbranchen ungleicher verteilt als in der Sachgüterproduktion.

Gewerkschaftlicher Organisationsgrad

Wie wichtig die Gewerkschaften sind, zeigte sich in den Daten: In der Sachgüterherstellung war ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad immer mit einer geringeren Ungleichheit in der personellen Einkommensverteilung verbunden. Höhere Ungleichheit trat dagegen in Branchen mit hoher Arbeitslosenrate auf.

Im Dienstleistungssektor scheinen höhere Teilzeitquoten und höhere Arbeitslosenraten zu höherer Ungleichheit zu führen, während der gewerkschaftliche Organisationsgrad keinen Einfluss besitzt. Im Gegensatz zur Sachgüterproduktion verringert bei den Dienstleistungen das Produktivitätswachstum die Ungleichheit der Verteilung. Die Gewinne werden hier egalitärer verteilt und führen damit zu geringerer Ungleichheit.

„Ist der Frauenanteil generell niedrig, ist auch die Ungleichheit niedrig, jedoch nimmt sie mit einem zunehmenden Frauenanteil zu. Bei einem ausreichend hohen Frauenanteil nimmt die Ungleichheit allerdings wieder ab. Der Zusammenhang zwischen dem Anteil der Frauenbeschäftigung und der Ungleichheit beschreibt somit einen umgekehrt U-förmigen Verlauf“ (Seite 15).

Als Maßzahl für die funktionale Einkommensverteilung wurde die Lohnquote [Anteil der Löhne und Gehälter an der gesamten Wertschöpfung einer Branche.] herangezogen. In der Mehrzahl der Branchen ist sie wieder gewachsen, nachdem sie vorher durch mehrere Jahrzehnte deutlich geschrumpft war. In Dienstleistungsbranchen sind die Lohnquoten allerdings generell stark unterschiedlich.

Unklare Zukunft

Die AutorInnen der Studie kommen zum – nur teilweise beruhigenden – Schluss, dass sich in den Daten bisher keine besorgniserregenden Effekte der Digitalisierung nachweisen lassen: Die neuen Technologien „mögen tatsächlich – wie an Einzelfällen der Anwendung von Künstlicher Intelligenz, Robotik und Automation durchaus beschreibbar – in der Zukunft zu einem neuen Produktivitätsschub (auch und gerade in den Dienstleitungsbranchen) führen. Unser Befund deutet aber darauf hin, dass die Gesellschaft noch Gelegenheit hat, sich auf einen solchen Umbruch einzustellen“ (Seite 19). Dieser Anregung sollte man Folge leisten.

IWF für progressivere Einkommenssteuern

Ähnliche Überlegungen zu den Wirkungen arbeitssparender Technologien veranlassten sogar den Internationalen Währungsfonds (IWF), in seiner Zeitschrift Fiscal Monitor Wege zur Verringerung von Armut und Ungleichheit vorzuschlagen, die bisher jenseits seines Repertoires lagen. Wie wir wissen, war die Kur, die er hochverschuldeten Ländern vorgeschrieben hatte, Einsparungen bei den Staatsausgaben um fast jeden Preis, auf Kosten der Gesundheit, der Bildung und eines menschenwürdigen Lebens, um die vom Bankrott bedrohten Banken durch riesige Kredite zu retten. Die Löhne der Staatsbediensteten sollten gesenkt und Staatseigentum an Private verkauft werden.

Nun scheint sich langsam ein Umdenken zu vollziehen. Interessanterweise zeigt der IWF auf, dass eine Erhöhung der Progression bei Einkommenssteuern – so lang sie nicht übertrieben wird – das Wirtschaftswachstum nicht einschränken würde. Seit den 1980er und 1990er Jahren ist die Progression nämlich stark gefallen und seither mehr oder weniger stabil geblieben: Der höchste Steuersatz in den OECD-Ländern ging von 62 Prozent im Jahr 1981 auf 35 Prozent im Jahr 2015 zurück. Also wäre es durchaus nicht unmöglich, die Steuerschraube für höchste Einkommen zu erhöhen.

… und für ein universales Grundeinkommen

Ein Grundeinkommen, wie es der IWF sieht, ist die Übertragung von gleichen Geldbeträgen an alle Menschen eines Landes. Schon seit vielen Jahrzehnten wurde das Grundeinkommen von ÖkonomInnen diskutiert. [U. a. vom österreichischen Sozialphilosophen Josef Popper-Lynkeus, Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage, Dresden 1912.] In Österreich hat sich die Katholische Sozialakademie bereits in den 1980er Jahren der Frage angenommen. [Herwig Büchele und Lieselotte Wohlgenannt, Grundeinkommen ohne Arbeit: auf dem Weg zu einer kommunikativen Gesellschaft, Wien 1985.] Der „Runde Tisch Grundeinkommen“ ist seit vielen Jahren in Wien als Lobbyist tätig und versucht gemeinsam mit ausländischen Initiativen die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens auch in der EU zu erreichen.
Spät, aber doch greift nun der IWF dieses Thema auf. Ein universales Grundeinkommen besitzt ja das Potential, Ungleichheit und Armut signifikant zu beeinflussen, da es auf alle Menschen im unteren Bereich der Einkommensverteilung wirkt. Der IWF hat allerdings seine Höhe ziemlich niedrig festgelegt. Es soll ein Viertel des Medians [Das Einkommen jener Person, die genau in der Mitte aller nach ihrer Einkommenshöhe gereihten Personen steht.] des Pro-Kopf Einkommens betragen, 6,5 Prozent des BIP. Es darf auch nicht übersehen werden, dass der IWF – im Gegensatz zum Runden Tisch Grundeinkommen – das Grundeinkommen als Ersatz für ungerechte und ineffiziente Sozialausgaben sieht.

Der IWF selbst gibt Beispiele für die positiven Auswirkungen geringerer Ungleichheit: In den entwickelten Ländern leben Männer mit tertiärer Ausbildung 14 Jahre länger als jene mit sekundärer. Würde die Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung in Entwicklungsländern beseitigt, könnte die Lebenserwartung um 1,3 Jahre steigen.

Und dies führt mich zu der Frage, ob wir die Gestaltung neuer Technologien weiterhin den Großkonzernen überlassen dürfen oder ob es nicht an der Zeit ist, einen öffentlichen Diskurs der Zivilgesellschaft zu beginnen, um dem mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfindenden Umbruch vorzubeugen. Hier sind sowohl die entsprechenden theoretischen Werkzeuge als auch innovative Institutionen notwendig.

Eine konviviale Gesellschaft

Der in Wien geborene Theologe und Philosoph Ivan Illich setzte sich bereits in den 1970er Jahren mit diesen Fragen auseinander. Er prägte den Begriff „Konvivialität“. Damit meinte er eine bestimmte Art des menschlichen Zusammenlebens, eine lebensfreundliche Gesellschaft jenseits von Industrialisierung und Wachstumswahn, die mit einem anderen Naturverhältnis einhergehen müsste. Ihre Produktions- und Wirtschaftsweisen sollten nicht auf fossile Energieträger angewiesen sein. Die Kulturanthropologin Andrea Vetter hat in den letzten Jahren diese Ansätze neu aufgegriffen und eine nützliche „Matrix der konvivialen Technik“ erstellt. [Andrea Vetter, The Matrix of Convivial Technology – Assessing technologies for degrowth, in: Journal of Cleaner Production, Special Issues „Degrowth&Technology“, 2017] „Konviviale Techniken“ sind Techniken und Verfahrensweisen, die nicht mehr Ressourcen benötigen, als nachwachsen und die möglichst frei allen Menschen zu Verfügung stehen und effektiv das Leben erleichtern, anstatt es komplizierter zu machen. Die Matrix enthält fünf Dimensionen [nach Fabian Scheidler, Chaos – Das Zeitalter der Revolutionen, Wien: ProMedia 2017. Seite 83.]:

  • In der Dimension Verbundenheit fragen wir, wie bestimmte Techniken menschliche Beziehungen verändern. Führen sie zur stärkeren Vereinzelung der Menschen (wie heute die relativ kleinen Bildschirme der Smartphones oder Laptop-Computer) oder fördern sie die Zusammenarbeit?
  • Zugang prüft, wer unter welchen Voraussetzungen die Technik nutzen kann. Blockieren Patente oder Intellektuelle Eigentumsrechte den Einsatz für jene, die sich die Technik nicht leisten können? Können sie nur Fachleute anwenden?
  • Anpassungsfähigkeit ist das Kriterium, mit dem festgestellt werden kann, ob die Technik in verschieden Umgebungen genutzt und an die unterschiedlichen Bedürfnisse angepasst werden kann. Bevorzugt sie hierarchische Strukturen oder erlaubt sie flache Organisationsformen? Ist sie leicht herzustellen und zu reparieren? Ist sie aus Bausteinen (modular) aufgebaut?
  • Bio-Interaktion hinterfragt den Stoffwechsel der Technik mit der Welt des Lebendigen. Welche Schadstoffe oder schädlichen Emissionen produziert die Technik in Bezug auf den gesamten Lebenszyklus, von der Ressourcenbeschaffung bis zur Entsorgung? Welche Folgen hat sie für die Gesundheit von Mensch und Tier?
  • Angemessenheit regt zur Überprüfung an, wie viel Input (stofflicher, energetischer und Arbeitsaufwand) die Technik im Verhältnis zu ihrem Output erfordert. Es macht keinen Sinn, Obst, das auch in unseren Gärten wächst, aus Ostasien zu importieren.

Der im Kapitalismus übliche einzige Entscheidungsmaßstab, die Effizienz, was eigentlich „profitabel“ bedeutet, sollte durch obige Kriterien ergänzt oder sogar ersetzt werden. Das Gewicht dieser Kriterien versteht sich nicht als in Fels gemeißelt, sondern ist je nach individuellen Befindlichkeiten und gemeinsamen Aushandlungsvorgängen zu gestalten. Ein zivilgesellschaftlicher Bewertungsprozess vor der Einführung der neuen Technologien, der den heutigen Entscheidungsträgern Paroli bietet, wird für die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft immer wichtiger.

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