Vielfalt zusammenlebender Generationen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Liselotte Wilk, Univ. Prof.i.R., DDr. Mag. - 21.09.2015

Der Begriff der Generation ist mehrdeutig, er hat eine lange Begriffsgeschichte, die bis in die griechische Antike reicht und wird in unterschiedlichen Disziplinen thematisiert. Dabei lassen sich in der Forschung zumindest vier Kategorien von Generationen finden und unterscheiden (Perrig-Chiello et al.2008: 420):

  • ein genealogischer bzw. familial-verwandtschaftlicher Begriff zur Unterscheidung der Abstammung in Familien,

  • ein pädagogisch- anthropologischer, der das Verhältnis zwischen vermittelnder und aneignender Generation meint,

  • ein zeitgeschichtlich-gesellschaftlicher ( in Anlehnung an Mannheim, 1964),

  • sowie der Begriff der Wohlfahrtsgenerationen, wie er den Diskussionen über den Generationenvertrag zugrunde liegt.

Der zeitgeschichtlich- gesellschaftliche Begriff, auf welchen im Weiteren vorwiegend Bezug genommen wird, umfasst dabei mindestens 3 Dimensionen:

  • die „Generationenlagerung“, verstanden als die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer Altersgruppe in einem historischen Zeitraum;

  • den „Generationenzusammenhang“, der geschaffen wird durch die gemeinsame Betroffenheit durch schicksalhafte historische Konstellationen und Ereignisse und

  • die „Generationeneinheit“, die konstituiert wird durch gemeinsame Orientierungen, einheitliches Erleben und Handeln.

Generationen im zeitgeschichtlich-gesellschaftlichen Sinn sind also nicht allein durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Geburtenkohorten charakterisiert, sondern erhalten ihre Charakteristika durch gesellschaftliche Faktoren. Es geht bei Generationen zwar immer um Alterszuschreibungen, darüber hinaus aber auch um die Zuschreibung einer bestimmten persönlichen oder kollektiven Identität und um die Abgrenzung von einer oder mehreren anderen Generationen (Lüscher/Liegle 2003:59).

Wieweit sich dabei heute, in modernen, dynamischen Gesellschaften, in denen viele Lebensoptionen und –stile aufgrund der zunehmenden Pluralisierung, Individualisierung und Traditionsverlust wählbar sind, noch eindeutig bestimmbare Generationeneinheiten herausbilden können, ist zu hinterfragen. Dies trägt auch zur Schwierigkeit bei, Generationen mit einem Etikett zu belegen. Mit einem solchen werden Generationen häufig unscharf und ungenau charakterisiert. Zudem beziehen sich die Etikettierungen mitunter auf relativ kurzfristige mediale, technische oder kulturelle Erscheinungen, oder sie übertragen Charakteristika einzelner kultureller oder sozialer Gruppen auf ganze Alterskohorten.

All dies zeigt sich in der Vielfältigkeit der im öffentlich-politischen Diskurs verwendeten Generationenbegriffe und -etiketten und erfordert einen achtsamen Umgang mit diesen. Einige der häufig verwendeten Etikettierungen für heute zusammenlebende Generationen lauten:

Die Kriegsgeneration, die vor oder in den ersten Jahren des 2. Weltkrieges geboren wurde, die die heutigen „Alten“ darstellen. Deren Kindheit und Jugend war gekennzeichnet durch Krieg, Unsicherheit, Entbehrung, Diktatur, ihr Erwachsenendasein durch Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Für letzteres setzten sie all ihre Energie ein, Arbeit war der zentrale Wert, der neuen Wohlstand bringen sollte, Ordnung, Fleiß und Sparsamkeit wichtige Tugenden.

Die 68er-Generation, benannt nach der Jugend-Protestbewegung, die ihren Höhepunkt in den Aktionen des Jahres 1968 erlebte. Diese zwischen 1940 und 1950 Geborenen, zur Zeit des Wiederaufbaus Aufgewachsenen, protestieren gegen die einengenden bürgerlichen Institutionen und Verhaltensweisen, die für ihre Eltern leitend waren (insbesondere die bürgerliche Familie, autoritäre Strukturen und sexuelle Einengung). Der Protest, der vorwiegend von Jugendlichen des Bildungsbürgertums ausging, richtete sich gegen Kapitalismus, Imperialismus und Faschismus und äußerte sich vorwiegend In neuen Formen des Zusammenlebens, im äußeren Erscheinungsbild und in der Musik.

Die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge von Anfang der 50er Jahre bis 1965, also vor dem Pillenknick. Diese Generation war desillusioniert. Folgten die 68er dem Traum von einem anderen Leben, orientierte sich die Masse der Babyboomer an dem Motto: „Leben und leben lassen.“ Wer sich nicht für Ziele einsetzt, kann nicht enttäuscht werden. Allerdings ist diese Generation auch in der Friedens- und Umweltbewegung zu finden. Zugleich stellt sie heute in unserer Gesellschaft die mächtigste und größte Generation dar, die weitgehend die Politik bestimmt. Sie hat für sich selbst soziale und ökonomische Vorsorge getroffen, die Bedürfnisse der nächsten Generationen wurden jedoch vielfach übersehen.

Generation X, die den Babyboomern folgende Generation, die Mitte der 60er bis in die frühen 80er Jahre geboren wurde. Diese Generation musste sich erstmals ohne Kriegseinwirkung mit weniger Wohlstand und weniger ökonomischer Sicherheit begnügen als die Elterngeneration und gleichzeitig für deren ökologische und ökonomische Sünden büßen. Der Wert des Lebens wird nicht in der Anhäufung von Statussymbolen gesehen. Zugleich müssen sich viele mit niedrig dotierten Jobs ohne viel Prestige und Zukunft begnügen. Diese Generation wird mitunter auch als „Lost Generation der Neunziger“ bezeichnet.

Generation Y auch als Digital Natives, Millenials oder Generation Internet bezeichnet, die nach 1980 Geborenen. Es ist die erste Generation, die von klein an mit den neuen Technologien des digitalen Zeitalters aufgewachsen ist. Die umfassende Ausstattung und die massive Interaktion mit diesen führt zu neuen Denkmustern, neuen Interaktions- und Kommunikationsweisen sowie zu anderen Formen der Informationsverarbeitung, der Bereitschaft zu Multitasking ebenso wie zur Vernetzung. Dies hat Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft und des Zusammenlebens.

Mitunter findet man darüber hinaus auch folgende Etikettierungen und Bezeichnungen: (Perrig-Chiello 2008:20)

  • Generation plus (die neuen Alten ab 2000)

  • Generation Golf (1965-75 geboren)

  • No Future Generation (Jugend in den 1990er Jahren)

  • Generation Praktikum (Jugendliche und junge Erwachsene in prekären Jobs)

  • Cybergeneration (Jugend im Cyberalter)

  • Generation@(Kinder der Computergeneration)

  • Generation XXL (die übergewichtigen Kinder und Jugendlichen anfangs des 21.Jahrhunderts)

  • Globale Generation (Jugend in einer globalen Gesellschaft)

  • Kinder der Krise (die 2008 und die folgenden Jahre als Jugendliche erleben)

Bei aller Problematik, die Etikettierungen meist zukommt, können sie, verstanden als idealtypische Konstrukte, in der Analyse und Diskussion von Generationenbeziehungen hilfreich sein.

Literaturhinweise:

Lüscher K., Liegle L.(2003): Generationenbeziehungen in Familie und Gesellschaft, Konstanz :UTB

Perrig-Chiello P., Höpflinger F., Suter, Ch. (2008): Generationen-Strukturen und Beziehungen, Zürich: Seismo Verlag

Mannheim K. (1964): Das Problem der Generationen, in: Mannheim K: Wissenssoziologie, Soziologische Text 28, Neuwied: Luchterhand

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