Die Wohlstandsformel

Reichtümer der Natur, der Kultur, der Beziehungen, der eigenen Fähigkeiten und der materiellen Errungenschaften
Prof. Dipl.-Ing. Ernst Gehmacher (ehemals IFES-Institut) 04.09.2015

Wohlstand, für den Einzelnen wie für jede Art und Größe von Gemeinschaft, das „größte Glück der größten Zahl“, setzt den ausgewogenen Einsatz von vier Wirkungsmitteln (Reichtümer) voraus:

  • NATUR – Reichtum an Naturvorkommen, nachhaltige Nutzung der Mineralien, des Wassers, der erneuerbaren Energieformen, der Pflanzen und Tiere; Erhaltung der Gesundheit, der Artenvielfalt und des Klimas;

  • MENSCHENWÜRDE – die Allgemeinbildung zu Wissen, Können, Kreativität und Ethik, die unabhängig von Fachbildung, Status und Beruf volle gesellschaftliche Teilhabe und Selbstverwirklichung gewährleistet;

  • GEMEINSCHAFT – die gute mitmenschliche Einbindung in engen Nahbeziehungen (Familie und vertraute Freunde) in gegenseitiger Offenheit und Intimität, in einem Bekanntenkreis der Geselligkeit und Stützung, in sinngebenden Gesinnungsgemeinschaften für die Gesellschaft wirken;

  • MATERIELLER REICHTUM – nachhaltige Technologien, Produktionsmittel und Produkte, sowie deren bedarfsgerechte Verteilung, um die gesicherte Versorgung mit den Mitteln zu einem gesunden Leben und zur Selbstentfaltung global zu ermöglichen.

In allen vier Wirkungsmitteln gibt es ein Zuwenig und ein Zuviel: Verödung und Übernutzung der Natur, Analphabetismus und Fach-Idiotentum, Einsamkeits-Kerker und Geselligkeits-Burn-out, Armut und Gier. Und alle können missbraucht werden: Ausbeutung und Vergöttlichung, Bildungsdünkel und Indoktrinierung, Fanatisierung und Religionskriege, Bestechung und Korruption.

Wenn diese Reichtümer ausgewogen und aufeinander abgestimmt als Glücksmittel eingesetzt werden, was ist dann Glück, was Wohlstand, die es zu erreichen und zu halten gilt?

Auch da lässt sich die unendliche Vielfalt und Verwobenheit in drei großen Komplexen zusammenfassen:

  • GESUNDHEIT, körperlich wie seelisch, Freiheit von schwerem Leiden und einschränkender Behinderung;

  • GEMEINSCHAFT in allen Beziehungen, mit tiefen Gefühlen und beglückender Konflikt-Bewältigung;

  • SELBSTENTFALTUNG in allem kreativem Tun und Lernen, privat und beruflich, allein und mit anderen, immer eingependelt zwischen Leere und Überforderung in optimaler Selbstbelastung – der elementaren Glücksformel.

Kurz: FIT-FRIENDS-FUN, Leistungsfähigkeit-Liebe-Lust.

Wie die Reichtümer zu gewinnen und einzusetzen sind, um Glück zu erreichen, ist das eine große Problem der Wohlstandsformel. Jeder Mensch und jede Gemeinschaft muss da die eigene Glückskultur lernen und weiterentwickeln. Die Einseitigkeits-Übertreibungs-Tendenz lauert überall: individuell zu Sucht und Gier, gesellschaftlich zur Vergötzung von Rang, Prunk, Macht und Höchstleistung. Sie zerstört, eher früher als später, eher sicher als wahrscheinlich, Glück und Wohl. Dahinter droht die zweite große Falle alles Glücksstrebens, die Rache der Zeit, der Absturz in den Abgrund, wo immer die Balance der natürlichen „Nachhaltigkeit“ verloren geht.

Ideen und Symbole, auf die sich die „großen Gefühle“ stützen – gerade auch in der Glücksverfolgung -, neigen zu Festigkeit und Starre, damit zu den Extremen des Pro und Kontra, der Süchtigkeit und der Askese. Das Balancieren und Probieren fällt damit schwer. Demokratie und Marktwirtschaft haben in den Gesellschaften Steuerungs-Elemente eingebaut, zu Ausgleich und Kurskorrektur durch mehr Rücksicht auf die Wünsche der Wähler und Käufer. Doch weder den Aufstieg und Niedergang der politischen Imperien noch die wirtschaftlichen Konjunktur-Zyklen konnte man bisher damit verhindern. Aber auch der Fortschritt ist unübersehbar, der sich mit dem Wachstum von Bildung, Gemeinwesen und materiellem Wohlstand weltweit ausgedehnt hat – gleichzeitig mit dem immer wiederkehrenden Versagen des Gleichgewichts dieser gigantischen Kräfte.

Das große Ziel leitet sich aus der Wohlstandsformel klar ab:

Jeder Mensch sollte von klein auf und lebenslang lernen, aus den vier Reichtümern Glück zu gewinnen. Und zwar dauerhaft, ohne sich selbst, andere und die Natur zu schädigen. In einem solchen lernenden System auf allen Gemeinschaftsebenen müssten sich die dafür nötige Lernhilfe, soziale Einbettung und materielle Sicherheit verbessern, indem sie über Demokratie, wissenschaftliche Erkenntnisse und Bedürfnisbefriedigung laufend angepasst werden. Frühwarnungen wären für die eigene Gesundheit, für die Harmonie der Gesellschaft, für das Funktionieren der Wirtschaft wie der generationengerechten Nachhaltigkeit zu beachten. Die Zukunftsvorsorge fiele dann leicht, wenn zufriedenstellender Wohlstand – für jeden, also für die ganze Gemeinschaft – in Gesundheit, Bildung, Beziehung und Besitz erreicht ist, der für das eigene Glück und das der Gemeinschaft – lokal und global – genützt wird. Was sich dann, aus der persönlichen Selbstentfaltung und Freude am Tun für andere, noch an Überfluss ergäbe, würde in die Zukunftssicherung fließen: jede Stadt ein Garten Eden, jede Arbeit auch ein Bauen von Zukunft.

Doch wie kommt man dorthin?

Über den Naturreichtum: Die vielfältigen Wechselwirkungen und Entwicklungen in der Natur erkennen; Ressourcen laufend regenerieren; nicht regenerierbare Ressourcen durch erneuerbare ersetzen; gesundheitsfördernde Lebensbedingungen weiterentwickeln.

Über die Menschenwürde: Möglichst viele und immer mehr sollen lernen, mit den vier Reichtümern geschickt und in stetem Experimentieren und Lernen, tagtäglich und in den eigenen Plänen, das eigene Glück zu suchen und mit der Gemeinschaft zu teilen. Die Gesellschaft soll diesem Lernen die Schulen des Lebens bieten.

Über die Gemeinschaft: Die Gemeinschaften solchen Wissens und Lernens sollen wachsen und sich ausbreiten, in allen Bereichen, in Arbeit und Freizeit, in Organisationen und Familien, in Politik und Religion, bis Glück direkt und Glück ohne Reue zum Wesensmerkmal des Miteinander wird. Über die Unterschiede in Rasse, Klasse, Kasse und Erbmasse hinweg.

Über den materiellen Reichtum: Geld und materielle Ressourcen, Besitz und Bauten, Schmuck und Maschinen sollen nur, und das sehr geschickt, als Mittel zum Zweck verstanden und benützt werden, als Dienste zum Glück – nie als Glück selbst. Gier wäre Krankheit, wie Sucht, Autismus und Lernunfähigkeit. Der Mehrwert aus Realwirtschaft und Finanzmarkt würde in den sozialen Ausgleich fließen. Wenn alle, auch in Zukunft, ihr Glück sicher erwarten dürfen, wäre Raffgier sinnlos.

Die Vision ist realistisch. Schließlich haben es einzelne naturnahe und mönchische Gemeinschaften immer schon im kleinen Eigenen erreicht. Doch wie soll die Menschheit dorthin gelangen?

Unbedingt nur langsam, in stetem Lernen; unbedingt von unten her, aus kleinen Gemeinschaften; unbedingt getragen von objektivem Wissen, von guter Theorie und modernen Messverfahren. Keineswegs über einzelne politische Parteien, über einzelne Sekten oder Religionen. Ohne Fanatismus, Machtgier, Geschäftssinn; ohne Krieger und Märtyrer; ohne die Kraft der Gewalt und der Verzweiflung, die aus dem Unglück kommt; ohne Alarmstimmung. Alle Energie, auch in klarem Blick auf die Bedrohungen, nur für Anstrengungen, die auch glücklich machen. Nur die Glücklichen können nachhaltig eine glückliche Kultur entwickeln und verbreiten – auch an die Unglücklichen.

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