UTOPIEN FÜR REALISTEN – Die Zeit ist reif für die 15‐ Stunden‐Woche, offene Grenzen und das Bedingungslose Grundeinkommen“

Rutger Bregman, Rowohlt 2017
Besprechung des Buches – Gerhard Kofler

Anfangs bin ich Bregmans Ausführungen skeptisch begegnet, je weiter ich eindrang, desto mehr gefiel, ja begeisterte er mich. Ich will hier versuchen, etwas Einblick zu geben.

„Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.“ Oscar Wilde

Zuerst zeigt Bregman, dass wir Menschen in den letzten 150 Jahren enorm viel geschafft haben, hinsichtlich Bekämpfung von Krankheiten, Armut etc. „In der guten alten Zeit“ bis zum Jahr 1820 lebten 84 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute liegt der Anteil unter 10 Prozent (noch immer viel zu viel). Auch der Frieden ist (statistisch) spürbarer (klingt bei der Betrachtung der Weltlage heute fast unglaubwürdig): 30 Kriegsopfern pro 1 Mio. Weltbewohner ist der geringste je gezählte Wert. Also alles in Butter?
Als Ziel seines Buches nennt Bregman das Aufstoßen einer Tür zur Zukunft: „Wie Humor und Satire stößt auch die Utopie das Fenster des Geistes auf.“ Er sagt, wir sind auf dem Holzweg, da es heute vor allem darum geht Zielvorgaben zur erfüllen: Das Wirtschaftswachstum, die Einschaltquoten, die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen. Langsam wird Qualität durch Quantität ersetzt – in vielen Lebens‐ und Wirtschaftsbereichen. Auf die viel besprochenen Fehlentwicklungen, wie Zerstörung der Umwelt, Ressourcenverschleuderung, Klimawandel geht Bregman kaum ein, jedoch auf die Zerstörung und Verschleuderung von menschlichen Ressourcen und falschen Interpretationen der gesellschaftlichen Entwicklungen. Er sagt, wir schlucken mehr Antidepressiva als je zuvor und wir geben dem Einzelnen Schuld an kollektiven Problemen wie Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit und Depression. Er zeigt auf, dass unsere Großeltern sich an Regeln hielten, die von Familie, Kirche und Gesellschaft vorgegeben wurden, wir hingegen werden von Medien, Marketing und einem paternalistischen Staat in ein Korsett gesteckt.
Und sehr schön: „Obwohl wir einander immer ähnlicher werden, liegt die Zeit der großen Kollektive längst hinter uns.“ Bregman behauptet „Wirklicher Fortschritt beginnt mit etwas, das keine Wissensökonomie erzeugen kann: mit einem Verständnis dessen, was es bedeutet, gut zu leben. Was wir brauchen, sind alternative Horizonte, die unsere Phantasie anregen.“ – Viele sprechen von einem neuen Narrativ. Er schwingt seinen Fahnen für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE), führt die Auswertungen bereits durchgeführter Experimente in vielen Teilen der Welt an. Wir sollten nicht über die Armen bestimmen, sondern ihnen einfach bedingungslos Geld geben. Denn „die wahren Experten für die Bedürftigkeit der Armen, sind die Armen selbst.“
Ich höre schon die Skeptiker: Die Menschen würden nicht mehr arbeiten, nur mehr fernsehen, Kinder machen und saufen. Die angeführten Erfahrungen beweisen das Gegenteil. – Warum maßen wir uns immer ein Urteil über andere an, deren Leben wir überhaupt nicht kennen?
„Studien aus aller Welt belegen: Geschenktes Geld funktioniert.“ „Im Jahr 2010 profitierten weltweit bereits mehr als 110 Millionen Familien in 49 Ländern von Direktzahlungsprogrammen.“ Und Überraschung: Die Kosten für die Allgemeinheit sinken dadurch und die Chancen der Armen steigen. Zur Unterstreichung der Kompetenz der Armen habe ich das Gedicht „nice quiet girl“ von einer an den Rand der Gesellschaft gedrängten amerikanischen Indianerin beigeschlossen, das ich heute zufällig gefunden habe. Das passt genau zu diesem Thema.
Bregman: „Der Sozialstaat, der den Menschen eigentlich Sicherheit und Selbstwert vermitteln soll, ist zu einem System von Misstrauen und Scham geworden. Linke und Rechte haben einen grotesken Pakt geschlossen. Die politische Rechte fürchtet, die Menschen würden aufhören zu arbeiten und die Linke traut ihnen keine eigenständigen Entscheidungen zu. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre ein besserer Kompromiss. Die Umverteilung würde die Forderung der Linken nach Gerechtigkeit erfüllen und was das System der Gängelung und Demütigung anbelangt, so käme es der Forderung der Rechten entgegen, staatliche Einflussnahme zu begrenzen.
Und weiter: „Die Linke macht reflexartig jedes Programm, jede Steuerrückzahlung und jede Sozialleistung vom Einkommen abhängig. Leider ist diese Neigung kontraproduktiv.“ „Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen Kapitalismus und klassischen Kommunismus gibt, so ist dies die krankhafte Besessenheit von der Erwerbsarbeit.“
Beim BGE zeigen sich die typischen drei Gegenargumente, die gegen Utopien häufig angeführt werden: Sie seien „aussichtlos“ (unmöglich, nicht finanzierbar), „gefährlich“ (die Risiken sind zu groß) und „widernatürlich“ (es wird in einer Dystopie enden). Der Soziologe Albert Hirschmann hat festgestellt, dass eine Utopie, wenn sie einmal verwirklich ist, fast augenblicklich als vollkommen normal betrachtet wird – siehe Frauenwahlrecht, Kinderrechte, Abschaffung der Todesstrafe etc.
Warum Arme Dummes tun, wie mehr Verbrechen, mehr Fettleibigkeit, mehr Alkohol etc., erklärt der Psychologe E. Shafir in seiner Theorie der Armut, die besagt, die schlechten Entscheidungen liegen am Kontext, d.h. sie leiden an Knappheit und diese zehrt sie auf. Sie verlieren ihre Fähigkeit sich mit Dingen zu befassen, die wichtig für sie sind. Das gelte z.B. auch für Manager (Zeitmangel), denn Knappheit an Geld oder Zeit führt zu unklugen Entscheidungen. Stresssituationen schränken die mentale Bandbreite ein. Armut hat also nicht mit einem charakterlichen Mangel zu tun, sonder sie ist einfach Mangel an Geld. (Klingt trivial, ist aber in vielen Köpfen nicht so verankert).
Bregman sagt, dass sowohl im Kapitalismus wie auch im Kommunismus eine sinnlose Unterscheidung zwischen zwei Arten von Armen und die falsche Vorstellung hinausläuft, dass ein Leben ohne Armut kein RECHT sei, auf das alle Menschen Anspruch hätten, sondern ein Privileg, für das man arbeiten müsse.
Mit seinen Ausführungen über Umverteilung und Chancengleichheit beweist Bregman, dass „die Chance, den amerikanischen Traum zu verwirklichen, an keinem Ort geringer ist, als in den USA.“ Dann widmet er sich der zweifelhaften Aussagekraft des BIP. Dazu Robert Kennedy: „Das Bruttosozialprodukt misst alles mit Ausnahme der Dinge, die das Leben lebenswert machen.“ Er greift die Wirtschaftswissenschaftler an, die behaupten, sie könnten die Realität steuern und die Zukunft voraussagen. „Die Ziele unserer leistungsorientierten Gesellschaft sind nicht weniger absurd als seinerzeit die Fünfjahrespläne der Sowjetunion. Indem wir unser politisches System auf den Produktionszahlen aufbauen, verwandeln wir das gute Leben in eine Tabellenkalkulation. Das Regieren nach Zahlen ist die letzte Zuflucht eines Landes, das nicht mehr weiß, was es will, und keinerlei Utopie mehr hat.“
In seinem Plädoyer für die 15‐Stunden‐Woche macht Bregman einen historischen Rückblick auf die bis in die 1980er Jahre schrittweise verkürzte Arbeitszeit (bereits 1933 verabschiedete der US‐Senat ein Gesetz zur Einführung der 30‐Stunden‐Woche – wurde vom Repräsentantenhaus angelehnt), den Stillstand, ja die Gegenbewegung im letzten Jahrzehnt und auf unsere heutige Zeitnot. Im Gegensatz zu den Voraussagen von Leuten wie Stuart Mills, Keynes u.a. sind unsere größten Herausforderungen daher heute nicht Muße und Langeweile, sondern Stress und Unsicherheit.
Die Frage, wohin die Zeit trotzt des gigantischen Produktivitätszuwachses verschwunden ist, beantwortet Bregman mit „Zeit ist Geld. Das Wirtschaftswachstum bringt entweder mehr Freizeit oder mehr Konsum. Von 1850 bis 1980 bekamen wir beides, aber seitdem ist vor allem der Konsum (und die Müllberge) gestiegen.“ In seinem feurigen Plädoyer unterstreicht er, dass die 15‐Stunden‐Woche (fast) alle Probleme/aktuellen Themen lösen kann: Stress, Klimawandel, Unfälle, Arbeitslosigkeit, Emanzipation, Elternzeit, Alternde Bevölkerung, Ungleichheit etc. „Die Arbeitszeitverkürzung muss erst wieder als politisches Ideal formuliert werden. Dann können wir die Wochenarbeitszeit Schritt für Schritt verringern, Geld gegen Zeit tauschen, mehr in Bildung investieren, ein flexibleres Ruhestandssystem sowie neue Regelungen für die Elternzeit, Kinder‐ und Altenbetreuung entwickeln.“
„Wir können das gute Leben durchaus bewältigen, wenn wir uns nur die Zeit dazu nehmen.“
Das Kapitel über die Finanzwirtschaft und die Banker sende ich allen, die es interessiert, gerne zu. Zwei Kernsätze daraus:
„In den letzten (neoliberalen) Jahrzehnten haben sich die klugen Köpfe der Finanzwirtschaft alle möglichen komplexen Finanzprodukte ausgedacht, die keinen Wohlstand schaffen, sondern Wohlstand zerstören.“
„Der moderne Markt ist nicht an Nützlichkeit, Qualität und Innovation interessiert. Wichtig ist nur der Profit.“

Nun höre ich schon: Wissen wir eh, Kritik gibt es genug, aber WAS TUN? Wie kommen wir aus der festgefahrenen Situation heraus? (..) Besonders schön finde ich diese Wortwahl und Aussage:
„Geben wir jedermann ein Grundeinkommen – Wagniskapital für das Volk ‐, damit die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen können“. Und wenn jetzt einer sagt „geht doch nicht“, dann sage ich nur: Hypo und Bankenkrise 2008. Wie viele Milliarden sind da „gegangen“ und wir haben es ganz gut überlebt (viele Griechen weniger gut).

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