Im Grunde gut – Eine neue Geschichte der Menschheit

Rutger Bregmann 2020 - Gerhard Kofler gibt Einblicke in Rutger Bregmans jüngstes Buch

Nachdem ich „Utopie für Realisten“ mit Begeisterung gelesen hatte, freute ich mich auf Bregmans neues Werk. Doch Anfangs war es etwas „zäh“, etwas eigenartig geschrieben. Doch dann kippte ich hinein und durchlief alle möglichen Gefühlsregungen – von überrascht, zweifelnd bis ermutigt und gerührt – und schloss es schließlich beflügelt. Mit zahlreichen konkreten Beispielen führte mir Bregman vor, was er im Buchtitel knapp zusammenfasste: Im Grund sind die meisten Menschen gut.

Obwohl ich durch meine Reisen, verschiedenen Jobs und andere Erfahrungen im Kontakt mit Menschen bisher immer die Ansicht vertreten habe, dass die meisten ‚einfachen‘ Menschen schwer okay und vertrauenswürdig sind, fiel es mir anfänglich trotzdem schwer, Bregmans Argumentationslinie zu folgen.

Ich fragte mich, will uns hier ein Missionar von seinem Glauben überzeugen, mit aller Kraft seines Geistes untermauert durch jahrelange mühsame (und spannende) Recherchen? Ist hier einer der vielen querdenkenden Erfolgsautoren unterwegs um mit seiner außergewöhnlichen Thesen und seinen Geschichten wieder viel Geld zu verdienen? Oder ist es Bregman wirklich gelungen zu zeigen, dass der Mensch nicht des Menschen Wolf sondern der Mensch des Menschen solidarischer Freund ist? Und dies trotz Ausschwitz, trotz zahlreicher psychologischer anderslautender Experimente, trotz täglicher Rüstungsausgaben von mehr als 5 Milliarden Dollar.

Ganz anders als Rainer Mausfeld nähert sich Rutger Bregman den verführerischen Teufelsrittern Macht, Stolz und der (medialen) Sucht nach Sensationen und ‚Beweisen‘ für das Böse im Menschen. Schritt für Schritt entlarvt der Autor irreleitende oder sogar gefälschte ‚wissenschaftliche‘ Studien, die so manchen Urheber berühmt machten. Wie akribisch Bregman seine auf 433 Seiten festgeschriebenen Beweise recherchierte und daraus seine ermutigenden Schlussfolgerungen für die Zukunft der Menschen zog, zeigen allein schon jene hunderte Quellenangaben auf insgesamt 44 Seiten (!).

Bregman eröffnet mit Tschechows Zitat „Der Mensch wird erst dann besser, wenn Sie im zeigen, wie er ist.“ Die relativ gelassene Reaktion der Londoner auf die ersten schweren Luftangriffe der Deutschen am 7. September 1940 überraschte sowohl die deutschen als auch die englischen Führer. Der trockene Humor mit dem Gewerbetreibende nach dem schweren Bombardement Schilder mit der Aufschrift „More open than usual“ vor die Ruinen ihrer zerbombten Geschäfte aufstellten, liefert ein Zeugnis dieser Gelassenheit. Was war die Kraft hinter diesem Verhalten? Einschlägige Untersuchungen der Engländer in den bombardierten Städten führten zu dem Schluss, dass es keinen Beweis für eine Schwächung der Moral durch die Bombardements in der Bevölkerung gab. Trotzdem hielten engste Churchill-Berater wie Frederick Lindemann an ihrer Meinung, dass „Bombardements funktionieren“ fest, was zur Folge hatte, dass die Untersuchung in einer Schublade verschwand. (15) (Anmerkung: Wäre dies veröffentlicht worden, hätte es in England sicher mehr Widerstand gegen die spätere verheerende Bombardierung von Dresden gegeben.)

Bregman gibt in seinem Werk Erklärungen für viele dieser falschen Meinungen oder präziser, oft bewusst falschen Veröffentlichungen. Machthaber und Führer in den letzten paar hundert Jahren hielten immer an dem Mythos fest, dass Menschen von Natur aus egoistisch, panisch und aggressiv sind. Diese Theorie nennt der Biologe Frans de Waal eine ‚Fassadentheorie‘. Die Zivilisation wäre demnach eine dünne Fassade, die beim geringsten Anlass einstürzen würde. Bregman zerlegt diesen Mythos nach Strich und Faden.

Der Autor findet u.a. Erklärungen im Nocebo-Effekt, also der Umkehr von Placebo. Wenn wir eine Medizin schlucken, von der wir annehmen, dass sie krank macht, dann werden wir wahrscheinlich wirklich krank bzw. fühlen wir uns so. „Ideen sind nicht einfach nur Ideen. Was wir glauben, bestimmt, was wir werden. Was wir suchen, bestimmt, was wir finden. Was wir vorhersagen, bestimmt, was tatsächlich eintritt (self-fulfilling prophecy). Der Ökonom Robert Frank fragte sich, was das vorherrschende Bild vom Menschen als selbstsüchtiges Wesen mit seinen Studenten machte. Durch Tests fand er heraus: je länger sie Ökonomie studiert hatten, desto egoistische waren sie geworden. Er folgerte: „Wir werden zu dem, was wir lehren.“ Bregman zeigt, wie viele große Denker die Fassadentheorie der Gesellschaft unterstützten bzw. unterstützen. Nocebo? (26f)

Und dann kommt ein starker Absatz: „Wer sich für den Menschen einsetzt, tritt auch gegen die Mächtigen der Erde an. Für sie ist ein hoffnungsvolles Menschenbild rundherum bedrohlich. Staatsgefährdend. Autoritätsuntergrabend. Schließlich bedeutet es immer, dass wir keine egoistischen Tiere sind, die von oben herab kontrolliert, reguliert und dressiert werden müssen. Es könnte außerdem zur Folge haben, dass der Kaiser keine Kleider trägt, dass ein Unternehmen mit selbst motivierten MitarbeiterInnen vielleicht gut ohne Manager auskommt und eine Demokratie mit engagierten BürgerInnen keine Politiker mehr benötigt.“ (37)

Durch sein gesamtes Werk zieht sich der Vergleich der Gedanken der beiden Philosophen Thomas Hobbes – ein Pessimist, der mit seinem Leviathan die Notwendigkeit einer starken Ordnungsmacht zeigte und dass wir von Angst angetrieben seien – und von Jaen-Jacques Rousseau, der als Optimist überzeugt war, dass wir von innen heraus gut sind und das die ‚Zivilisation‘ uns verdorben habe.(64f.)

Rousseau (1712 – 1778) war seiner Zeit weit voraus. Hier seine Gedanken zur Erfindung des Privateigentums: „Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen ‚Das ist mein‘ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviel Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen gerufen: ‚Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören, die Erde keinem!‘“ Im Kapitel über Den Fluch der Zivilisation sagt Bregman über unsere Vorfahren, die Jäger und Sammler: „Aufsparen und Horten waren bei Jäger und Sammlern tabu. Zum größten Teil unserer Geschichte haben wir nicht Besitztümer angehäuft, sondern Freundschaften.“ (119)

Bregman attackiert auch mehrfach in seinem Buch die Zyniker. „Zynismus ist eine allumfassende Theorie. Sie stimmt immer.“ (29) Oder er zitiert Rousseau, der sagt, dass wir erst mit dem Beginn der Zivilisation zynische Egoisten geworden sind. Und er sagt: „Zynismus ist ein anderes Wort für Faulheit. Es ist eine Entschuldigung sich zurückzulehnen.“ (428)

In seinem langen Blick auf die Evolution stellt Bregman wieder zwei Thesen von Wissenschaftlern gegenüber. Jene des Biologen Richard Dawkins, der 1976 mit Das egoistische Gen ein deprimierendes Buch veröffentlichte und jene des Zoologen und Genetikers Dmitri Beljajew, der in Sibirien Silberfüchse domestizierte. Das Selektionskriterium für die Domestizierung war die Freundlichkeit der an und für sich sehr aggressiven Füchse. Beljajew fand heraus, dass die freundlicheren Füchse weniger Stresshormone, dafür mehr Serotonin (das ‚Glückshormon‘) und mehr Oxytocin (das ‚Kuschelhormon‘) produzierten. Und er erweiterte seine Theorie auch auf die Menschen: Er nimmt an, dass die freundlichsten Menschen die meisten Nachkommen produzierten. (85)

GrafikEinige Grafiken illustrieren „Im Grunde gut“. Die Beeindruckendste ist jene, die die deutliche Überlegenheit von Kindern gegenüber Primaten im Bereich des sozialen Lernens zeigt. Bregman: „Menschen scheinen supersoziale Lernmaschinen zu sein. Wir werden geboren um zu lernen, uns miteinander in Verbindung zu setzen und zu spielen. … Erröten ist ein einzigartiger, menschlicher Gesichtsausdruck. Erröten ist eine typische soziale Fähigkeit. Leute, die erröten, lassen erkennen, dass wir etwas darauf geben, was andere von ihnen denken. Das schafft Vertrauen, weshalb wir besser zusammenarbeiten können.“ (90)

Einige Zitate aus dem Kapitel Der Fluch der Zivilisation: „Die Zivilisation war lange Zeit eine Katastrophe. … Bis zum Jahr 1800 waren weit über ein Viertel der Weltbevölkerung Leibeigene von Reichen. (136) …. Was wir heutzutage ‚Meilensteiner der Zivilisation nennen – die Erfindung von Geld, Schrift und Rechtsprechung – waren ursprünglich Meilensteine der Unterdrückung. (133) … Denken wir daran, dass die Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Die ältesten Bücher und Schriften sind voller Propaganda von Staaten und Machthabern. … Auf diese Weise wurde unser Bild von der Geschichte auf den Kopf gestellt. Zivilisation ist zum Synonym für Frieden und Fortschritt geworden, während die Wildnis für Krieg und Untergang steht. In Wirklichkeit war es für den größten Teil unserer Geschichte genau umgekehrt. (135) … Wir können die Geschichte der Zivilisation als eine Geschichte zusammenfassen, in der die Machthaber ständig neue Gründe für ihre Privilegien erfinden.“ (259)

Dann beschäftigt sich Bregman mit der Geschichte der Osterinsel, die erst in neuester Zeit in ein völlig neues Licht gerückt wurde, mit berühmten Experimenten, mit denen versucht wurde‚ der ‚menschlichen Natur‘ nahe zu kommen, die Auschwitz ermöglichte: Stanley Milgrams Schockmaschine in der Yale-Universität 1961 und Phlip Zimbardos Experiment in der Standford-Universität 1971 – und kommt zu völlig überraschenden Schlussfolgerungen, die das mit den Experimenten ‚bewiesene Böse im Menschen‘ in völlig neuem Licht erscheinen lassen. U.a. folgert der Autor: „Wenn man nur hart genug an Menschen herumzerrt, wenn man sie bearbeitet und manipuliert, dann sind viele von uns zu Bösem imstande. … wobei sich das Böse h immer als das Gute tarnen muss.“ (196) … Die Täter waren davon überzeugt, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte standen.“ (199)

Dann fragt Bregman: „Warum kehrt die Fassadentheorie in immer wechselnden Gestalten zurück?“ Und “vermutet, dass es in erster Linie Faulheit ist. An unsere Verdorbenheit zu glauben ist auf seltsame Weise beruhigend. Eigentlich werden wir dadurch frei gesprochen. Wenn die meisten Menschen böse sind, haben Widerstand und Engagement nicht viel Sinn.“ (201) – Anmerkung: Nehmen wir deshalb Korruption und Ungerechtigkeit so gelassen hin, anstatt ununterbrochen auf die Barrikaden zu steigen. Ist es nur Bequemlichkeit? Gehen wir aus Bequemlichkeit nicht zu Volksabstimmungen? – Und gleich folgt etwas Ermutigendes: „Im zweiten Weltkrieg wurden die dänischen Juden durch die konsequente Solidarität ihrer Landsleute geschützt.“ (204)

In den weiteren Kapiteln setzt sich Bregman mit dem (überraschenden) Verhalten von Soldaten im Krieg auseinander, mit der Motivation von Terroristen, erklärt, wie die Macht korrumpiert, beleuchtet Empathie und Mitgefühl, die Situation in verschiedenen Gefängnissen (Vergleich liberaler Strafvollzug in Norwegen und Härte in den USA) und wirft einen Blick auf freie Kindergärten, Abenteuerspielplätze und Schulen. Wie notwendig freies Spielen und sinngebenden Arbeit ist, fasst er mit folgenden Zitaten zusammen: „Das Gegenteil von Spielen ist Depression. …. Lauf WHO ist Depression inzwischen die Volkskrankheit Nummer eins. … Unser größtes Defizit findet man nicht in einem erwirtschafteten Budget, sondern in uns selbst. Es ist ein Defizit an Sinngebung. Ein Defizit an Spiel.“ (325)

Im Kapitel Die Kraft der inneren Motivation bringt Bregman positive Beispiele für erfolgreiche „führerlose Unternehmen“ und für die Kraft der inneren Motivation. Da kommt indirekt auch das Thema Bedingungsloses Grundeinkommen zur Sprache. Jos de Blok baute ein völlig neues System für die Hauskrankenpflege. Er schuf eine kleine Oase (inzwischen mit über 15.000 MitarbeiterInnen) in einem üblicherweise von Bürokratie ersticktem Bereich. Statt auf Wachstum und frei Marktwirtschaft setzte er auf Kleinteiligkeit und Vertrauen. (301) Sein Credo: Es ist einfach, etwas schwieriger zu machen, aber es ist schwierig, etwas einfacher zu machen. (303) Auch beim Automobilzulieferer FAVI weht ein neuer Wind, seit Jean-Francois Zobrist das Ruder übernahm. Seine Philosophie: Wenn man MitarbeiterInnen behandelt, als wäre sie verantwortungsbewusst und zuverlässig, dann sind sie es auch. … So entwickeln sich Expertise und Kompetenz zu den wichtigsten Werten und nicht Rendite und Produktivität. (306) Der Philosoph Edward Deci glaubt, das die Frage nicht länger sein kann, wie wir uns gegenseitig motivieren sondern eigentlich: Wie schaffen wir eine Gesellschaft, in der sich die Menschen selbst motivieren? (307)

Im Kapitel So sieht eine echte Demokratie aus nennt Bregman sieben Faktoren für eine funktionierende Demokratie und nennt Beispiele dazu (326ff):

  • Von Zynismus zu Engagement
  • Von Zersplitterung zu Vertrauen
  • Von Ausgrenzung zu Inklusivität
  • Von Bequemlichkeit zu bürgerschaftlichen Denken und Handeln
  • Von Korruption zu Transparenz
  • Von Egoismus zu Solidarität
  • Von Ungleichheit zu sozialem Aufschwung

Im Kapitel über Commons erzählt der Autor über Elinor Ostrom, die in einer Datenbank weltweit Beispiele für Commons sammelte und dafür 2009 den Nobelpreis für Wirtschaft bekam. Und er fordert, dass den Commons, dem dritten Weg zwischen Staat und Markt, endlich mehr Aufmerksamkeit zukommen soll. (343)

Umwerfend und berührend die Geschichte über das Ende der Apartheid in Südafrika, wo der Bürgerkrieg an einem seidenen Faden hing und letztendlich durch ein sich diametral gegenüberstehendes Afrikaans-Zwillingsbrüderpaar und Nelson Mandela verhindert werden konnte. (380ff) – Nie vorher habe ich von diesem konkreten Ereignis gehört. Aus diesen Erfahrungen und anderen leitet Bregman die beste Medizin gegen den Rassismus ab: den Kontakt zum „Fremden“. Das gilt vor allem auch für Konfliktgebiete. Man hat festgestellt, dass „je weiter man sich von der Front entfernte, umso größer wurde der Hass. Menschen die nie vom Krieg direkt betroffen waren, sind meist die schlimmsten Hardliner. (408) – Anmerkung auf die Flüchtlinge umgesetzt: Dort, wo keine (Kontakt)Erfahrungen mit Flüchtlingen bestehen, existieren die größten Vorurteile und Ängste.

Schöne Sätze aus dem letzten Kapitel: „Eine bessere Welt fängt nicht bei einem selbst, sondern bei uns an. … Aber kommunizieren bleibt schwierig.“ (416) … Distanz hat die größten Verbrechen der Geschichte ermöglicht. (426) … Mandela war mindestens so schlau wie sanftmütig. Das Gute zu akzeptieren ist genauso oft ein rationaler wie auch ein emotionaler Akt. (423) Anmerkung: siehe dazu meine Einleitungszeilen.

Gerhard Kofler, Juni 2020

Hier ist Platz für Ihren Kommentar. Freischaltung erfolgt nach Überprüfung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s