Zur Situation der Frauen während und nach dem 1. Weltkrieg

Gedenkprojekt 100 Jahre nach der größten Brandkatastrophe der österreichisch-ungarischen Monarchie

Gerhard Kofler - Zukunftmitverantworten.org

18_Munitionsfabrik-Wöllersdorf Flugbild 1917_4125_kleinMunitionsfabrik Wöllersdorf um 1916 (Bild: Stadtarchiv Wiener Neustadt)

Die k.u.k. Munitionsfabrik Wöllersdorf war der größte Industriebetrieb der österreichisch-ungarischen Monarchie und zählte im Krieg über 40.000 Beschäftigte, großteils Frauen. Eine Brandkatastrophe am 18. September 1918 forderte in diesem Rüstungsbetrieb 423 Menschenleben – vor allem Frauen und Mädchen.

Aus diesem Grund wurde in Winzendorf bei Wiener Neustadt eine Gedenkstätte enthüllt, die einerseits an die vielen Brandopfer erinnern soll und andererseits ein Mahnmal gegen den Krieg darstellt. In einer umfangreichen Gedenkbroschüre wird die Katastrophe von verschiedenen Seiten beleuchtet und über die Situation der Frauen im 1. Weltkrieg berichtet sowie ein Überblick über die Frauendemonstrationen und den Widerstand der Arbeiterinnen während und nach dem Krieg gegeben.

Auf den zu hunderten in ganz Österreich errichteten Kriegerdenkmälern wird an jeden einzelnen Soldaten der beiden Weltkriege erinnert. Im Gegensatz dazu wird jedoch der Opfer der „Heimatfront“, meistens Frauen, kaum irgendwo gedacht. Die Gedenkstätte in Winzendorf soll u.a. auch ein Anstoß sein, sich mit der Rolle der Frauen im Krieg noch intensiver auseinander zu setzen.

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Gedenkstätte für die Brandopfer 1918 in Winzendorf (Bild: G. Kofler)

Gerhard Kofler, der Initiator des Projektes, begründet seinen Weg zum Gedenkprojekt wie folgt: „Ich habe das Projekt initiiert, weil zwei meiner Verwandten in den Flammen von Wöllersdorf umgekommen sind und weil ich Zeit meines Lebens überzeugt war, dass mit Waffengewalt und überhaupt mit Gewalt keine Konflikte dauerhaft zu lösen sind. Häufig werden Konflikte sogar gezielt herbei geführt, herbei geschrieben und herbei geschrien, wobei dann in der Folge Hundertausende von arglosen Männern und Frauen getötet, Millionen von Menschen in Hunger, Not und in die Flucht getrieben werden und immer wieder einige Wenige davon profitieren. Dieses Weltgeschehen ist nichts Abstraktes, nichts, was weit weg von uns, von mir und meiner Familie passiert, sondern zieht uns alle hinein. Auch heute werden Schuldige gesucht und ganze Gruppen von Menschen ausgegrenzt und verurteilt. Das müssen wir erkennen, hinterfragen und uns gegen jegliche Verhetzung wehren. All unser Streben, unsere Anstrengungen sind nutzlos, wenn wir den Frieden nicht erhalten können. Daher müssen wir die Demokratie schützen, so gut es geht!“ In diesem Sinne verstand er das Gedenken an die 423 Menschen, die in unmittelbarer Nähe seines Heimatortes als unschuldige Arbeiterinnen und Arbeiter in den Flammen umgekommen sind. – Nie wieder Krieg!
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Munitionsfertigung in Wöllersdorf im 1. WK (Bild: Sammlung Willibald Rosner)

Die Historikerin Gertrude Langer-Ostrawsky geht in der Gedenkbroschüre dem Leben der Frauen im Ersten Weltkrieg in der Provinz nach. Sie schreibt folgendes:

Es geht um Frauen unterschiedlicher sozialer Schichten – um Adelige, Kleinbürgerinnen, Arbeiterinnen und Bäuerinnen, um ihre Mobilisierung, Überlebensstrategien und Handlungsspielräume.

Die wichtigste Ursache der Frauenarbeit ist in allen Ländern die Not. Überall ist der Vater oder der Familienerhalter im Felde und die staatliche Unterstützung reicht bei der Teuerung in keinem Lande aus, um die Familie zu ernähren“, beschrieb die Sozialdemokratin Emmy Freundlich die Situation der Arbeiterinnen. Zunächst zeigten sich die Auswirkungen des Kriegsausbruches auf die Wirtschaft. Niederösterreich verzeichnete die höchste Steigerungsrate des Frauenanteils an der Arbeiterschaft – von etwa 26 Prozent vor dem Krieg auf ca. 40 Prozent im Jahre 1916.. Das ist vor allem auf den immensen Ausbau der Rüstungsindustrie im Wiener Neustädter Raum zurückzuführen. Der Beschäftigtenstand der k.u.k. Munitionsfabrik in Wöllersdorf wuchs während des Krieges auf mehr als 40.000 Personen, wobei mehr als 50 Prozent davon Frauen waren. Die k.u.k. Pulverfabrik in Blumau beschäftigte zu Kriegsbeginn 8.000 Personen, im Jahre 1917 waren es 30.000. Dazu kamen die Aktiengesellschaften Hirtenberger Patronenfabrik mit rund 8.000 Beschäftigten im Jahr 1917, die Enzesfelder Munitionsfabrik und die Metallwarenfabrik Arthur Krupp in Berndorf mit über 6.000 Beschäftigten (1918), die Roth AG Patronenfabrik in Lichtenwörth sowie je ein Pulverwerk in Felixdorf und in Saubersdorf.

Rund 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter verdienten in diesen niederösterreichischen Rüstungsbetrieben unter schwierigen und harten Bedingungen ihren Lebensunterhalt. Der Arbeitskräftebedarf konnte bei weitem nicht aus der näheren Umgebung und aus Wien gedeckt werden, und so lockten Werbekampagnen 1915 vor allem böhmische Textilarbeiterinnen in die niederösterreichischen Munitionsfabriken. Allerdings wurden die Versprechungen, wie guter Lohn und Verpflegung, oft enttäuscht, und es kam zu großer Fluktuation unter der Arbeiterinnenschaft.

Frauen in Niederösterreich erlebten und erlitten den Ersten Weltkrieg und seine unmittelbaren Auswirkungen auf ihre Lebenssituation unterschiedlich, je nachdem, welcher Klasse sie angehörten, welchen sozialen Status sie innehatten. Mangel, Hunger, Ausbeutung der Arbeitskraft trafen nicht alle Frauen gleichermaßen. Der Verlust von männlichen Angehörigen – ob Partner, Ehemänner oder Söhne – wurde vielfach traumatisch erlebt, unabhängig von gesellschaftlicher oder ökonomischer Stellung. Insgesamt kann der Erste Weltkrieg auch als eine Zeit betrachtet werden, in der – zumeist gezwungenermaßen – eine Neuordnung der Geschlechterordnung und der Geschlechterkonzepte erprobt wurde. Danach kehrten die meisten Frauen wieder an ihre überkommenen Positionen zurück.

Der Historiker Klaus-Dieter Mulley wiederum nimmt sich des von Frauen organisierten Widerstandes an und schreibt folgendes:

Wenn die 1914 nach der Enthebung des Reichsrates erlassenen Einschränkungen der persönlichen Freiheiten, die Einführung der Zensur und der Militärgerichtsbarkeit sowie eine Reihe anderer Maßnahmen von der Bevölkerung im Sinne einer gewissen Kriegsbegeisterung durchaus hingenommen wurden, so erhielt die anfängliche Kriegseuphorie durch die Einführung des Bezugskartensystems für Mehl und Brot bereits im April 1915 zusammen mit den zunehmenden Einberufungen zum Kriegsdienst einen ersten Dämpfer.

Das Bezugskartensystem schuf die Trennung der Bevölkerung in zwei (zusammen mit den Schwerarbeitern eigentlich drei) Teile: Auf der einen Seite standen die Selbstversorger, also die Landwirte, Bauern und zum Teil auch Kleinhäusler, auf der anderen die Nichtselbstversorger, also die Unselbständigen, deren Versorgung durch das sich in den folgenden Jahren ausweitende Bezugskartensystem und von den laufend steigenden Preisen abhängig waren.

Nach einer Darstellung der prekären Versorgungslage untersucht Mulley die Frauenproteste und Demonstrationen und schließlich auch die Beteiligung der Frauen am großen Jännerstreik 1918 in Wiener Neustadt. Weiters widmet er sich der Bildung von Bezirks-, National- und Volksräten im November 1918 und der republikanischen Volkswehr. Mulley schließt seinen Beitrag mit 3 Thesen:

  1. Die Demonstrationen 1917 wurden im lokalen und regionalen Bereich zu einem nicht geringen Teil von Frauen getragen. Der Einfluss der Frauen auf den Fortgang der sogenannten „österreichischen Revolution“ ist bislang noch nicht ausreichend erforscht.
  2. Der sogenannte „Umbruch“ wurde am Land nur zeitverzögert wahrgenommen. Der politische Systemwechsel von der Monarchie zur Republik kam nicht von unten sondern von oben und wurde zu jeder Zeit von den politischen Parteien kontrolliert.
  3. Die Gründung von bürgerlichen Gegenräten zu einem Zeitpunkt, als gesamtstaatlich die linke Rätebewegung bereits kaum mehr politischen Einfluss hatte, und die damit einhergehende politische Mobilisierung des bürgerlichen Lagers gegen die Sozialdemokratie mussten sich prägend für den weiteren Verlauf der jungen Republik auswirken.

Ein weiterer Beitrag widmet sich der Vorgeschichte des 1. Weltkriegs. Darin heißt es: Die sprunghaft ansteigende Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte auch zu einer enormen Steigerung der Rüstungsanstrengungen um die Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert und vergrößerte so die Kriegsgefahr. Dazu schrieb Friedrich Engels bereits 1887(!): „Und endlich ist kein anderer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nur geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. 8 bis 10 Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei Europa so kahl fressen wie noch nie ein Heuschreckenschwarm es getan hat. Die Verwüstungen des 30jährigen Krieges zusammengedrängt in 3 bis 4 Jahren und über den ganzen Kontinent verbreitet.“1

Leider ist diese Prophezeiung Engels Wirklichkeit geworden. Wo stünden wir heute in der gesellschaftlichen, der technischen, der geisteswissenschaftlichen Entwicklung, wenn es die beiden Weltkriege nicht gegeben hätte, wenn statt all der Zerstörung produktive und kreative Kräfte am Werk gewesen wären? – Unvorstellbare Möglichkeiten!

InteressentInnen können die Gedenkbroschüre hier beziehen:
http://www.verlag.renmai.at

Interessante Links:
www.oesterreich100.at
http://brandkatastrophe-1918.info

 

 

 

 

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