Reichweite der Generationensolidarität

Peter Degischer (Zukunft mitverantworten) 22.07.2015

Verantwortlich im Sinne einer Sorge-Verpflichtung sind wir immer für Handlungen oder Ereignisse, die aus der Sicht des Verantwortungssubjekts sich zumindest ein Stück weit in die Zukunft hinein erstrecken. Insofern ist Verantwortung immer und notwendig Verantwortung für die Zukunft. Heute bezeichnet der Begriff „Generation” erstens die Altersspanne, bis aus Kindern Eltern und aus Eltern Großeltern werden. In soziologischer Hinsicht umfasst eine Generation eine Gruppe von Menschen, die durch eine bestimmte Epoche geprägt sind und dadurch einen bestimmten Kanon von Überzeugungen und Werten teilen. Die derzeitige Generationenlage ist in Bild 1 vereinfacht in zwei Stammbäumen dargestellt. Diese Generationensystematik wird von L. Wilk genauer beschrieben [Wilk]. Die Bezeichnung „nachrückende Generationen” umfasst die nächst jüngeren Generationen im Gegensatz zum Begriff „künftige Generationen”, die die noch nicht geborenen Generationen bezeichnen. (siehe Bild 1)

Bild 1: Generationenlage 2015 dargestellt in Stammbäumen.

Die Gerechtigkeit zwischen jungen, mittelalten und älteren heute lebenden Menschen wird als temporale Generationengerechtigkeit bezeichnet. Intertemporale Generationengerechtigkeit wird definiert als die Gerechtigkeit zwischen Menschen, die früher lebten, die heute leben und die zukünftig leben werden. Generationengerechtigkeit ist erreicht, wenn die Chancen nachrückender und künftiger Generationen auf Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse mindestens so groß sind wie die der vorangehenden bzw. vorangegangenen Generationen [Tremmel]. Intragenerationelle Verteilungsmaßnahmen haben immer dann eine positive Wirkung im Sinne der temporalen Generationengerechtigkeit, wenn dadurch der Nutzen für die nachrückende Generation zunimmt [Weish].

Das Denken ging bis in die 1960er Jahre wie selbstverständlich davon aus, dass es die kommenden Generationen besser haben würden als die Lebenden. Inzwischen ist das Bild von den „verhätschelten Erben“ ersetzt worden durch die Sorge, dass heute jüngere und künftige Generationen in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht Opfer kurzsichtiger Politik der heute älteren Generationen werden könnten. Die Erziehung und Bildung der jeweils nachfolgenden Generation prägt deren Werte. Daher stellen Ausbildung und Bildung entscheidende Herausforderungen einer modernen Gesellschaft dar. Bildung, die dem Menschen gerecht wird, wurzelt in einem lebendigen Interesse an der Welt: Staunen, Neugier, Achtsamkeit, Verantwortungsbewusstsein, Beziehungsfähigkeit und Weltoffenheit sind grundlegende Ziele einer lebenslangen Persönlichkeitsbildung [ÖRK].

So wie die Freiheit jedes heutigen Menschen dort aufhört, wo die Freiheit des anderen beginnt, so ist auch die Freiheit der heutigen Generation durch die Freiheit der zukünftigen Generationen begrenzt (Freiheitskonflikt, [SRzG]): „Handle so, dass die Folgen deines Handelns den zukünftigen Generationen mindestens ebensogroße Chancen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse lassen, wie sie die heutige Generation besitzt.“

  • Bedürfnisse heutiger Menschen gegen andere Bedürfnisse heutiger Menschen
  • Bedürfnisse zukünftiger Menschen gegen andere Bedürfnisse der gleichen zukünftigen Generation oder gegen die Bedürfnisse anderer künftiger Generationen
  • Bedürfnisse heutiger Menschen gegen Bedürfnisse zukünftiger Menschen

Die Brundtland-Formel zur Nachhaltigkeit lautet: „Nachhaltige (dauerhafte) Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Dies kann in der Fairness Arena umgesetzt werden: „Wir müssen nachhaltige Lebensstile ausbilden. Gefragt sind Produktion und Konsum, Ausbildung, Öffentlichkeitsarbeit, Bewusstseinsbildung. Hier liegt eine hohe Verantwortung bei der jüngeren Generation, jedoch wäre die Vorbildwirkung der älteren Generationen aus ihrer Erfahrung extrem wichtig.“

Der öffentliche Diskurs um die Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents dreht sich aktuell fast ausschließlich um Krisen, sei es die Sorge vor einer neuerlichen und verschärften globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, die Verschuldung der öffentlichen Haushalte, die ungelöste Nord-Süd-Problematik, die Verknappung der Lebensressourcen, die religiösen, politischen und ethnischen Konflikte im ‚global village‘. In diesem Sinne fehlt ein ‚Generationenvertrag‘, in dem wir, die Lebenden, zukünftigen Generationen eine lebenswerte Welt zugestehen und zusichern.

Bild 2: Interaktionserfordernis für gutes Leben für alle in solidarischer Gemeinschaft.

Es wird hier versucht, die Erfordernisse für Generationensolidarität und –gerechtigkeit nach der Klassifizierung der „Reichtümer“ der Menschheit gemäß folgender Tabelle darzustellen.

Klassifizierung der Reichtümer, die es zu bewahren bzw. zu erweitern gilt [Fleissner]

Das Eigentumsrecht ist demnach nachhaltig zu einzhufordern [Scherhorn]: Der Eigentümer darf allgemeine Lebensgrundlagen als Gemeinressourcen für seine Zwecke nutzen, wenn er sicherstellen und den Nachweis führen kann, dass sie erhalten bleiben. Das Recht auf physische Unversehrtheit ist ein allgemeines Menschenrecht.
Die Erde (Umwelt, Gesundheit, soziale Belastungen, Bildung, Wohlbefinden) soll in einem möglichst guten Zustand an die jeweils nächste Generation weitergereicht werden [Vogt].
Für die Nachhaltigkeit ist jeder Substanzverzehr zu verhindern, indem beispielsweise Externalisierungskosten in die Preisbildung eingerechnet werden, wobei die örtliche (global) und zeitliche (über Generationen) Verlagerung von Belastungen zu berücksichtigen sind. Bedarfsgerechtigkeit zur Befriedigung elementarer menschlicher Bedürfnisse (Nahrung, Wohnung, Sicherheit) sowie Chancengerechtigkeit sind Voraussetzungen für ein Leben in Würde und somit ein Beitrag zur präventiven Friedenspolitik.

Literaturhinweise:

[Fleissner] P.Fleissner, private Mitteilung, 2015.

[ÖRK] Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich, Sozialwort, Nr.18, 2003

[Scherhorn] G.Scherhorn, Nachhaltig wirtschaften im Spannungsfeld von Ökologie und Ökonomie, in Gerechtigkeit in einer endlichen Welt, Hrg. I,Gabriel, P.Steinmair-Pösel, Mattias Grünewald-Verlag, Ostfildern 2013.

[Vogt] M.Vogt, Ökologische Gerechtigkeit und Humanökologie, ebenda.

[SRzG] Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen,Hrg.: Handbuch Generationengerechtigkeit
München: oekom Verlag, 2003

[Tremmel] J.Tremmel, Eine Theorie der Generationengerechtigkeit, Mentis-Verlag, Münster 2012

[Weish] P.Weish, Nachhaltigketi – Bildungsauftrag für Generationengerechtigkeit, in diesem Blog

[Wilk] L.Wilk, Generationenbeschreibung in diesem Blog

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2 Gedanken zu “Reichweite der Generationensolidarität

  1. Ja, fein.
    Allerdings ist Brundtland zu anthropozentrisch und eignet sich daher nur für Demagogie, Konsensfindung, nicht zur Selbstbesinnung und -bestimmung. Aber, sei’s drum. Noch eine Kleinigkeit: Der Absatz übers Eigentum wirkt verstümmelt. Gedanklich fehlt hier etwas. Kaum ein Zufall dürfte daher der abrupte, gleichsam anakoluthäre Schwenk zur physischen Unversehrtheit sein. Als müsse man „husch, husch, nur weg da“ zwischen den Zeilen lesen. Und nebstbei: Wieso „“nachhaltig“ einfordern“? Wo doch gerade wohltuend Bezug auf das (von Brundtland) tatsächlich mit dem Begriff des Nachhaltigen Gemeinte genommen wurde.
    So weit ein paar kleine Irritationen, insgesamt aber Zustimmung. Mehr Bürokratie, ja! Die Konsequenzen (Ökodiktatur, Arbeitszwang, Propagandaschlacht etc.) einer sozialistischen Wende werden wohl in Folge-Blogeinträgen erörtert werden, wir Leser und Leserinnen dürfen gespannt sein; auch auf die Weisung gewaltloser oder sonstiger Wege zum Weg hin.

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    1. Danke für den Hinweis. Der von Schellhorn zitierte Satz über die Eigentumsrechte ist nicht ausreichend mit dem Text korreliert, der die Themenbereich nur anreißen will. Er ist jedenfalls im Gegensatz zum Allgem.Bürgerlichen Gesetzbuch, wo es heißt: der Eigentümer hat das Recht, mit der Substanz und den Nutzungen einer Sache nach Willkür zu schalten und jeden anderen davon auszuschließen. Erst die Menschenrechtskonvention vermag den Nutzungsanspruch einzuschränken und die Verantwortung für die Nutzungschancen künftiger Generationen einzufordern, um ihre physische Unversehrtheit zu garantieren.
      Peter Degischer

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