Generationenkonflikt – neu gesehen

Ernst Gehmacher, Prof.Dipl.Ing., Sozialwissenschafter 21.07.2015

Hinter dem Begriff der Generationen steht eine wesentliche Tatsache menschlicher Beziehungen – die lebensbestimmende Abhängigkeit von sozialer Zuwendung und Hilfe, im Geben wie im Nehmen. Da sind Kindheit, Krankheit und Greisen-Alter Lebenszeiten des überwiegenden Umsorgtwerdens. Jugend bis zur vollen Lebensreife und der aktive Ruhestand bieten ein hohes Maß an Freiheit und Selbstentfaltung. Die „Hochzeit“ des Lebens in sozialer und beruflicher Karriere gewährt, persönlich sehr verschieden, ein Maximum an Macht und Möglichkeiten, für sich selbst und für andere zu sorgen. Mit dieser unvermeidlichen Ungleichheit von Geben und Nehmen, von Stärke und Schwäche, muss jede Gesellschaft fertig werden – ebenso wie mit der Ungleichheit von Stärke und Macht zwischen sozialen Gruppen und Schichten. Wo das nicht gelingt, gibt es Streit: „Klassenkampf“ und „Generationenkonflikt“.

Neu ist heute die gewaltige Veränderung in den Generationen-Verhältnissen, lokal und global, hier und überall. Durch die Fortschritte der Medizin gibt es immer mehr zuwendungsbedürftige Ältere und Langzeitkranke (Geriatrie und Palliativmedizin). Andrerseits verringert die weltweite weibliche Emanzipation die Kinderzahlen – und öffnet Schulen und Berufe immer mehr Frauen. Im Großen führt das zu einer Verschiebung der Berufswelt zur Dienstleistungsgesellschaft („Tertiarisierung“), welche das traditionelle Netz der Familienpflege und Nachbarschaftshilfe ersetzt. Die Ausdehnung der Schulbildung und der Freiwilligen-Tätigkeit sowie der „prekären“ Arbeitsverhältnisse lassen sowohl die Jugend-Phase als auch den aktiven Ruhestand heute und wohl noch für einige Zeit wachsen.

Wenn früher die Faustzahl-Formel von 20:40:20 Jahren für Jugend, Aktivzeit, Alter galt, rechnet man heute mit 30:30:30 – was grob betrachtet bedeutet, dass gestern die volle Berufstätigkeit die Hälfte des Lebens umschloss, morgen aber nur mehr ein Drittel ausmachen wird. Doch stimmt diese Kassandra-Formel nicht mehr, wenn man eine schärfere Unterscheidung der Altersstufen ins Auge fasst: Kindheit : Jugend : Leistungsphase : aktives Alter : alt und krank ergibt ein Verhältnis 15:15:30:15:15. Mit dieser Überlegung ist auch schon eine neue Sicht auf den Generationenkonflikt angeregt: die soziale Zuwendung und Befürsorgung sind über alle Lebensalter abgestuft verteilt. Wir alle sind „graduell reziprok“ Helfer und Lehrer, Hilfsbedürftige und Lernende, aber jeder nach Kraft und Vermögen.

Das zeichnet sich schon ab:

Die Kindheit wird immer mehr pädagogisch „verschult“, von der Vorschulbildung bis zur Ganztagsschule, mit der Ablösung von Elternfamilie und „Großfamilie“. Da geht es nun darum, wie viel Gelegenheit geboten wird zum Helfen-Lernen in Kindergemeinschaften und zum Lernen-Helfen im „Mentoring“, dem Weitergeben von Wissen und Können unter „Gleichen“. Der Generationenkonflikt kommt damit immer stärker in die Familie. Die Kindheit verliert ihre „Unschuld“. Umso bedeutsamer wird die kulturelle und soziale Prägung durch das Gemeinschaftserlebnis in der Lernumgebung. Und da dieses Kraftfeld der „realen Erziehung“ schwer zu durchschauen ist, löst es vor allem Spannungen aus zwischen Erziehenden und Lehrenden, Konflikte um die Schule und einen latenten Protest der heranwachsenden Kinder gegen alle „Bevormundungs-Systeme“ – bis hinaus zur Politik. Günstigenfalls wächst hier schon eine „skeptische Generation“ bewusster Selbstbestimmtheit heran.

Die immer länger dauernde Jugend (das Erstheiratsalter der Frauen liegt bei uns schon über 30 Jahren) reift immer mehr als im Versuch und Irrtum Suchende, in „prekären“ (unsicher und vorläufig) Arbeitsverhältnissen, in wechselnden Begeisterungen und Partnerschaften zu einer mutigen, aber unsicheren Selbständigkeit. Die festen Ordnungen und Weltanschauungen der „Alten“ empfinden die immer früher erwachsen werdenden „Jungen“ als überholt – oder bestenfalls als Surf-Brett für „Großes“ in Kultur und Sport, in der neuen Infotainment-World und in der Esoterik. „Alte“ Religionen und Ideologien haben es dabei schwerer, für diese Jugend attraktiv zu werden.

Die volle Selbstbestimmtheit und Geber-Macht in der Lebensmitte war und ist ja immer nur denen vorbehalten, die in Familie, Arbeit und Gemeinschaft Stärke und Sicherheit haben. Sklaven, Knechten und heute den Erwerbslosen und Heimatlosen nützt ihr Erwachsensein nur begrenzt. Und das große Versprechen der Menschenrechte in der Politik von heute kommt gegen Gier und Krise nicht auf: die Unsicherheit von Karriere und Arbeitsplatz, von Ehe und Berufsstatus, von Frieden und Rechtsschutz greift um sich. Das steigert die Schuldzuweisung und Feindlichkeit gegenüber den „Nicht-Eigenen“. Das kann sich bei den Älteren auch auf die Jugend richten und zu Generationenkonflikt werden.

Zu den großen Erfolgen des modernen Sozialstaats gehört die Sicherung in der Hilflosigkeit von Alter und Krankheit. Mit den Erfolgen eines gesunden Lebensstils und von Medizin wird der Aufwand für die Bekämpfung von Krankheiten im Alter immer größer. Wenn man nur mehr zahlt ohne persönliche Zuwendung, wenn man nur mehr betreut und bedient wird, ohne Gegenhilfe und Dank, wenn Liebe zu kaufen und zu verkaufen ist, gehen die Gegenseitigkeit (Reziprozität) und somit die sozialen Glückshormone verloren. Der Generationenkonflikt steigert sich, wenn der Hunger nach menschlicher Beziehung im Geben und Nehmen mit den starken Reizen von Reisen und Entertainment, Sucht und Shopping gestillt wird, und wenn dabei noch die Finanzen knapp werden. An Konflikt-Argumenten und Streitfragen wird im Kommunikations-Zeitalter mehr als genug geliefert. Und die kommerzielle wie politische Werbung kann nicht umhin, dieses Gefühlsfeld anzusprechen, wobei sie damit den Konflikt noch steigert.

Was tun?

Im Sinne eines nachhaltigen Gemeinwohls läge es, den Generationenkonflikt als Phänomen von den Wurzeln her objektiv zu analysieren und Tests zur Messung der Ursachen zu entwickeln – mit dem Schwerpunkt der persönlichen und gruppenspezifischen Diagnose von sozialem Geben und Nehmen, von Zuwendung und Abhängigkeit, in allen Altersstufen und Lebenslagen. Daraus könnte sich parallel zu den neuen, ökologischen und gesundheitlichen Life-Style-Bewegungen eine Do-it-yourself-Strategie ausbreiten. Starken Interessen von der Basis her könnte dann politische Unterstützung zu Hilfe kommen.

 

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