Zukunft verantworten: Was wir uns darunter vorstellen.

Norbert Geldner (Zukunft mitverantworten) 19.05.2015

Wir haben uns aus gegebenem Anlass mit einem Sachthema, der Steuerreform, vorgestellt. Aber es scheint angebracht, das auf allgemeinere Weise etwas näher auszuführen.
Wir sind mit der gegenwärtigen Lage der Welt, vor allem Europas und im besonderen Österreichs nicht zufrieden. Aber darüber meckern schon so viele und aus so unterschiedlichen Richtungen, dass es den Machthabern ein Leichtes ist, ihre eigene Position als den bestmöglichen Kompromiss daraus auszugeben. Wir wollen mehr.
Natürlich hat auch jeder seine eigene Vorstellung davon, wie unsere Zukunft idealerweise aussehen sollte, aber über den größten Teil dieser Vorstellungen lässt sich doch ein Hut stülpen, der, wenn auch ungenau und nicht im Detail, ein Bild unserer gemeinsamen Ziele erlaubt. Was extrem divergiert, das sind die Vorstellungen über den Weg dorthin. Das hat seinen Grund:
Man stützt zwar die vorherrschende ökonomische Theorie auf die Annahme, dass der Einzelne rationale Entscheidungen in seinem subjektiven Interesse treffen kann, aber das stimmt leider nur in relativ simplen Fällen. Die Gegenthese begrenzter Rationalität hat nicht nur eine mehr als hundertjährige Tradition, sie hat es auch auf einige Nobelpreise für Ökonomie gebracht, von Herbert Simon bis Joseph Stieglitz. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Vulgärtheorie der meisten Politiker und ihrer Berater völlig unbeirrt an widerlegten Konzepten festhält, weil ihre Vorstellung von Freiheit nur mit subjektiv rationalem Wahlverhalten vereinbar ist. Schon Carl Menger, einer der Ahnherren des Neoliberalismus, hat in seiner Würdigung des Adam Smith zu dessen hundertstem Todestag in der Neuen Freien Presse gemeint, mit der „unsichtbaren Hand“ als wissenschaftlicher Theorie sei nicht mehr viel Staat zu machen, aber als Schwert zur Zerschlagung seiner Ketten war sie für den Bürger von unschätzbarem Wert.
Selbst die kleine Welt unserer Volkswirtschaft ist ein ungeheuer komplexes System von Quervernetzungen und Rückkoppelungen, und je nachdem, an welchem zufällig erhaschten Faden kausaler Verknüpfungen man zu ziehen beginnt, ergibt sich ein anderes Bild von Überraschungen. Man hat ein klares Ziel vor Augen, glaubt die Mittel zu seiner Verfolgung zu kennen und stellt doch fest, dass man sich davon entfernt hat. Daran ist dann natürlich immer irgendetwas „schuld“.
Es gibt allerdings noch andere Wissenschaften, die sich mit menschlichem Verhalten befassen, beispielsweise die Soziologie. Sie sieht den Menschen als in eine gegebene Struktur hineingesetztes – sozialisiertes – Wesen, dessen Handlungen von sozialen Normen, Regeln und Verpflichtungen bestimmt werden. Ausgerechnet in Chicago, einer der Hochburgen des Neoliberalismus, hat man sich mit dieser Divergenz auseinander gesetzt. James Coleman entdeckte neben dem Finanzkapital und dem Humankapital (Wissen) ein weiteres, das Sozialkapital, das es ebenso zu akkumulieren gilt. Darunter versteht er Funktionsweisen und Routinen einer „kapitalismusgerechten“ Sozialisierung. Der Neoliberalismus hat gleichsam eine Antwort auf eine Frage entwickelt, welche eine humanistisch orientierte Gesellschaft noch gar nicht gestellt hat.
Freilich gibt es Stimmen, etwa die Christian Felbers, die darauf hinweisen, dass jene Werte, die im Kapitalismus besonders hervorgehoben werden, Leistung, Wettbewerb, Effizienz, Gewinn und Wachstum, nicht nur mit demokratischen und humanistischen Grundwerten wie Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Verantwortung, Vertrauen und Mitgefühl nicht zusammenpassen, sondern diese allmählich zersetzen. Man akkumuliert eben „Sozialkapital“!
Was hat das mit unserer Arbeit zu tun?
Es geht uns darum, Entwicklungstrends aufzuzeigen, welche die Pseudo-Rationalität der Akteure in eine falsche Richtung lenken, und Gegenpositionen zu entwickeln. Im Sinne des oben Gesagten, um die Bildung von humanistischem Sozialkapital. Eine ebenso ökonomische wie kulturwissenschaftliche Aufgabe. Wie kann so etwas konkret aussehen?
In den „goldenen“ Jahren der österreichischen Geschichte, also etwa zwischen 1955 und 1980, gab es einen Kranz von wirtschaftspolitischen Zielen, die in ausgewogenem Maß zu verfolgen waren, man sprach von magischen Vielecken, etwa Wachstum, Vollbeschäftigung, innere und äußere Stabilität (Preise und Wechselkurse), ausgeglichene (nicht überschießende!) Leistungsbilanz und stabile Einkommensverteilung. Geblieben ist Wachstum um jeden Preis. Es wird an konkret anstehenden Entscheidungen zu zeigen sein, dass diese einseitige Zielsetzung sich letzten Endes selbst widerlegt.
Das Modell subjektiv rationalen Wahlverhaltens hat die Ausgewogenheit von kollektiver und privater Bedarfsdeckung erschüttert. Z.B.: Es gibt soziale Risiken, beispielsweise das Altern, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eintreten; mit risikoabhängigen Prämien wird eine Versicherung damit ad absurdum geführt. Ein soziales Gefüge kann nur mit Umverteilung erhalten werden. Man muss den Gebern klarmachen, dass sie nur in einem stabilen, sozialen Gefüge auf die Dauer gut verdienen können.
Aber das im Augenblick dringlichste Problem knüpft unmittelbar an die Einführung des Begriffs Sozialkapital an. Eine umfassende Bildungsreform ist dringend geboten. Und nach allem, was in der öffentlichen Diskussion zu vernehmen ist, muss man damit rechnen, dass es eine Reform in Richtung EM-EX wird, employability – exploitability ! Hier ist dringend vorauseilender Widerstand geboten.

Norbert Geldner
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